Al poco giorno

Dante

Zum kurzen Tag e al gran cerchio d'ombra

Dantes Sestine in deutscher Übersetzung. Ein Vergleich

(Seminararbeit, Universität Hamburg 2001)

Dantes Petrosen (rime petrose, rime per la donna pietra), zu denen die Sestine Al poco giorno gehört, erfreuen sich aufgrund ihrer thematischen und formalen Sonderstellung einer lebhaften wissenschaftlichen Diskussion. Eine der Besonderheiten der Petrosen ist ihr ungewöhnlich rauer Stil.

Die beiden jüngsten deutschsprachigen Übersetzungen der Petrosen sind bereits über dreißig Jahre alt und nur antiquarisch oder in Bibliotheken erhältlich. Sie haben aber, ebenso wie noch ältere Übersetzungen, eine hohe Bedeutung als (interpretationsleitende) Hilfsmittel im Wissenschaftsbetrieb. Doch in welchem Maße sind sie geeignet, eine Originallektüre zu ergänzen oder gar teilweise zu ersetzen?

Zur Beantwortung dieser Frage galt es mangels geeigneter Literatur, selbst zum Experten zu werden: Anhand der Sestine Al poco giorno habe ich die Qualität der beiden jüngsten Petrosen-Übersetzungen ausführlich untersucht. Kontrastiv wurden auch einige ältere Übersetzungen sowie die kommentierten Werke Dantes einbezogen.

Unabhängig von Wertungsfragen hat die Arbeit auch eine literaturhistorische Dimension. Bei den ersten Recherchen stellte sich heraus, dass eine zuverlässige Dokumentation der deutschen Dante-Lyrik-Übersetzungen zuletzt 1929 erschienen ist. Aus diesem Grund wurde die Analyse durch einen Abriss der Übersetzungsgeschichte der Rime ergänzt.

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Al poco giorno e al gran cerchio d'ombra

Al poco giorno e al gran cerchio d’ombra
son giunto, lasso, ed al bianchir de’ colli,
quando si perde lo color ne l’erba:
e ‘l mio disio però non cangia il verde,
sí è barbato ne la dura petra
che parla e sente come fosse donna.

Similemente questa nova donna
si sta gelata come neve a l’ombra;
ché non la move, se non come petra,
il dolce tempo che riscalda i colli,
e che li fa tornar di bianco in verde
perché li copre di fioretti e d’erba.

Quand’ella ha in testa una ghirlanda d’erba,
trae de la mente nostra ogn’altra donna;
perché si mischia il crespo giallo e ‘l verde
sí bel, ch’Amor il viene a stare a l’ombra,
che m’ha serrato intra piccioli colli
più forte assai che la calcina petra.

La sua bellezza ha più vertù che petra,
e ‘l colpo suo non può sanar per erba;
ch’io son fuggito per piani e per colli,
per potere scampar da cotal donna;
e dal suo lume non mi può far ombra
poggio né muro mai né fronda verde.

Io l’ho veduta già vestita a verde,
sí fatta ch’ella avrebbe messo in petra
l’amor ch’io porto pur a la sua ombra:
ond’io l’ho chesta in un bel prato d’erba,
innamorata com’anco fu donna,
e chiuso intorno d’altissimi colli.

Ma ben ritorneranno i fiumi a’ colli,
prima che questo legno molle e verde
s’infiammi, come suol far bella donna,
di me; che mi torrei dormire in petra
tutto il mio tempo e gir pascendo l’erba,
sol per veder do’ suol parmi fanno ombra.

Quandunque i colli fanno più nera ombra,
sotto un bel verde la giovane donna
la fa sparer, com’uom petra sott’erba.

Übersetzung von Hertha Federmann (1966)

Zum kurzen Tag und großen Kreis der Schatten
kam ich nun, ach, wo weiß stehn alle Hügel,
und sich verliert das Grün in allen Kräutern,
nur mein Verlangen wechselt nicht sein Grün,
so tief verwurzelt ist's im harten Stein,
der spricht und fühlt, als wär er eine Herrin.

Auf gleiche Weise bleibt die junge Herrin,
zu Eis gefroren wie der Schnee im Schatten.
Denn sie rührt nicht, als wär sie toter Stein,
die süße Zeit, die rings erwärmt die Hügel
und deren Weiß verwandeln wird in Grün
und sie mit Blumen decken wird und Kräutern.

Trägt auf dem Haupt sie erst den Kranz von Kräutern,
treibt aus dem Sinn sie jede andre Herrin,
so schön mischt sich ihr blond Gelock dem Grün,
daß Amor selbst sucht Rast in ihrem Schatten,
der mich gebannt hält zwischen sanften Hügeln,
fester als Mörtel bindet Stein an Stein.

Ihr Reiz strahlt heller als ein edler Stein,
wen er verwundet, heilt man nicht mit Kräutern,
Umsonst entfloh ich über Tal und Hügel,
um zu entrinnen einer solchen Herrin.
Doch nichts gewährt vor ihrem Glanze Schatten,
nicht Berg noch Mauer, noch des Laubes Grün.

Ich sah sie einst gekleidet gehn in Grün,
so schön, sie hätt gerührt selbst einen Stein
zur Liebe, die noch heut mir weckt ihr Schatten.
Auf schöner Au', umwogt von blühenden Kräutern
warb ich um sie, holder als jede Herrin.
Und rings umschlossen mich die hohen Hügel.

Doch eher fließt ein Fluß hinan die Hügel,
als sie, ein Reis in zartem Frühlingsgrün,
entflammte - wie sonst eine schöne Herrin -
für mich, der gern zeitlebens schlief auf Stein
und seine Nahrung suchte unter Kräutern,
nur um zu schauen ihres Schleiers Schatten.

Stets wenn die Hügel werfen schwärzren Schatten,
läßt unterm schönen Grün die junge Herrin
verschwinden er wie Steine unter Kräutern.

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