Der Unabomber war, ihr werdet euch an die Nachrichten vor einigen Jahren erinnern, ein amerikanischer Mathematik-Professor, der sich einen ganz besonderen Plan ausgedacht hat, um das System zu boykottieren - das sogenannte System: die multinationalen Konzerne und so weiter. Er hatte seine Universitätskarriere aufgegeben und sich in eine Hütte in was weiß ich welcher abgelegenen amerikanischen Provinz zurückgezogen, um kleine Bomben herzustellen, die er dann in äußerst liebevoll hergestellte Geschenkschachteln gelegt und an die Bösen des sogenannten Systems versendet hat: Geschäftsführer, Manager von multinationalen Konzernen, kurz und gut: die Bösen. Klar umrissene Zielscheiben, auf die man seine persönliche Dosis subversiver Energie abfeuern konnte.
So, doch ich sage euch gleich, bei dem Unabomber meiner Poetik handelt es nicht um den eben Beschriebenen. Der Unabomber, der mich interessiert, ist vielmehr so etwas wie ein heimisches Surrogat. Auch wir hatten unseren Unabomber. Im Sommer 1997 kam es zu einigen kleineren Explosionen an den Stränden von Lignano und Bibione. Kleine, wie gesagt. Kein politischer Anschlag. Kein Bombenangriff. Es war einfach so, dass hier und dort, an dem einen oder anderen Tag … also es kam vor, dass jemand am frühen Morgen seinen Sonnenschirm geöffnet und dabei einige Finger verloren hat - der größte Pechvogel, ein Maurer aus Mogliano Veneto, hat seine komplette linke Hand eingebüßt. Dabei handelte es sich nicht etwa um einen defekten Mechanismus: Die Sonnenschirme ließen sich ohne Schwierigkeiten öffnen. Im Inneren, wie bei den Überraschungs-Eiern von Kinder Schokolade, fanden die glücklosen Urlauber jedoch ein mit Nägeln und Plastiksprengstoff gefülltes Rohr, und das machte Bumm.
Die Ermittlungen führten nach Pordenone - mein Wohnort, eine friaulische Stadt, die noch venezianischer als Padua ist -, sie führte auf die Spur eines Individuums mit noch heute ungeklärter Identität, ungeklärt trotz des von den Ermittlern perfekt ausgearbeiteten, sozio-psychologischen Profils: Unabomber = ein zwanghafter, einzelgängerischer und fernsehabhängiger Kleinbürger.
Nun gut, ich gestehe euch jetzt etwas, und der Gefahr, als Mythomane dazustehen, bin ich mir völlig bewusst: Ich glaube, der Unabomber von Pordenone, das bin ich. Ich sage, "ich glaube", weil ich mich nicht erinnern kann, jemals Bomben hergestellt zu haben, ich weiß noch nicht mal, wie das geht, doch scheint es mir, als sei meine Tätigkeit derjenigen des Bombenlegers vom Strand im Großen und Ganzen recht ähnlich.
Mit dem System, mit dem Krieg gegen das System, hat das hier indessen nichts zu tun. Ich bin der Unabomber, der sich entschieden hat, im System zu leben, der unreine, der Kompromiss-Unabomber: nicht nur einer, der das System nicht bekämpft, sondern der sich, im Gegenteil, an den Annehmlichkeiten erfreut, die die Systemzugehörigkeit mit sich bringt: Ich benutze die Kreditkarte, den Geldautomaten, die Fernbedienung, kaufe Wertpapiere, besitze ein Mobiltelefon, arbeite für ultrabürgerliche Tageszeitungen, habe eine feste Freundin mit einem gemeinsamen, festen Wohnsitz, publiziere bei einem großen Verlag, man könnte auch sagen: bei einem Koloss der Verlagsindustrie. Meine Arbeit richtet sich nicht im geringsten gegen ideologische Feinde, sie kennt überhaupt keine Feinde. Vielleicht ist das der Punkt. Ich lebe in einer Welt, und diese Welt der Einheitsgedanken ist befriedet, sie gefällt sich in allgemeinem Wohlergehen, in ihr gibt es gar keine Feinde, und eine Sache gleicht der anderen. Eine Welt, in der es reicht, im Standa-Supermarkt die Hand zum Regal zu bewegen, und schon liegt in deinem Einkaufskorb neben dem WC-Deodorant die Taschenbuchausgabe der Göttlichen Komödie.
Genau, und in dieser Wirklichkeit, in der es auf so wunderbare Weise weder oben noch unten gibt, weder schön noch hässlich, weder gerecht noch ungerecht, wo von Spots beleuchtete Pizzerien in eisdielenmäßigen Pastellfarben gestrichen sind, wo sie dir - wie es mir in der angesagtesten Bar von Conegliano passiert ist - einen simplen Marmeladenkuchen mit Löffel servieren, wo alle zufrieden in ihren Häuschen mit säuberlich gestutzten Hecken hocken - die Frau ein Ehrenamt bei Caritas und die Tochter Animateurin beim Punto Verde - in dieser Wirklichkeit, in der die Schulen jede Menge Sexualkunde-, Gesundheits- und Erste-Hilfe-Kurse anbieten, obwohl doch niemand drogenabhängig, HIV-positiv oder magersüchtig ist, wo die einzige kämpferische politische Bewegung die Kampagne für höhere Milchquoten ist und wo alle Klänge - Stimmen, Reifenquietschen, Hupen, Lieder, Sirenen, Nachrichtensendungen -, wo sich wirklich alle Klänge scheinbar zu einem einzigen dumpfen Hintergrundgeräusch verbinden, ja, in dieser Wirklichkeit lebt der Unabomber, der ich bin, sehr gut, und er ist auf perfekte Weise integriert.
Nur, dass er hin und wieder, de facto sobald er kann, die Flucht in den Keller antritt. Okay, meinen Computer habe ich nicht im Keller, aber mit ein bisschen Anstrengung werdet ihr mein Alter Ego schon erkennen: Dieser andere überlässt meiner Frau die Fernbedienung, er gibt meiner Tochter ein Küsschen auf die Stirn und steigt nun die Stufen hinab. Seht ihr, wie er sich den Krawattenknoten lockert und ganz langsam beginnt, den Plastiksprengstoff auf die Apothekerwaage zu legen, anschließend die Nägel in das Rohrstück, dann den Zünder und so weiter? Seht ihr ihn? Eine heikle und ziemlich anspruchsvolle Tätigkeit. Sie verlangt ihm mit all der Konzentration und all dem Engagement Eigenschaften ab, die er sich in der Welt da oben, ein Stockwerk höher, erspart. Häufig muss er alles noch einmal von vorn beginnen, und manchmal riskiert er sogar, selbst in die Luft zu fliegen, aber es gibt nichts, was ihn veranlassen könnte, sich von seinem Feuerwerkslabor zu trennen. Eine echte Fixierung. Er muss handeln, immer wenn er kann, denn sonst - oh, so weit kommt es noch, nein, nur eine Empfindung, die er aus weiter Ferne vernimmt - sonst würde er von der Welt der Wohlstandsbürger vernichtet werden.
Er weiß nicht so recht, wen er dafür büßen lassen soll, aber er fühlt, dass die Welt der Wohlstandsbürger ihm die Kehle jede Nacht immer heftiger zudrückt. Er weiß, wenn er nicht dafür sorgt, dass einigen Urlaubern die Finger um die Ohren fliegen, irgend jemandem wie ihm selbst, normalen Menschen an einem Strand voller normaler Menschen, wenn er nicht tätig wird, riskiert er, wahnsinnig zu werden. Und wahnsinnig werden will er nicht: In der Welt da oben, ein Stockwerk höher, braucht er all seine Klarheit. Ein Stockwerk höher singt der Unabomber mit den Leuten von Furore, er sammelt Esso-Rabattmarken, und er ist sich immer sicher, wer Recht hat, von den beiden Gästen bei Maria De Filippi. Doch dort unten, wenn er von seiner (und meiner? und eurer nicht?) Simpsons-mäßigen Familie isoliert ist, drängt es den venezianischen Unabomber, den Mann aus Venetien par excellence, sich zu balkanisieren.
Und während wir zusehen, wie mein Alter Ego in seine schalldichte und klimatisierte Limousine einsteigt und losfährt, um seine Kunstwerke auf die beiläufigste und zugleich liebevollste Art und Weise zu plazieren, die man sich nur vorstellen kann, haben wir noch genügend Zeit, um zu verstehen, was die Balkanisierung in Kopf des Unabombers mit seinem venezianischen Wesen zu tun hat.
Venetien ist eine mentale Region. Venetien, wohin auch immer es sich erstreckt, besteht aus der diffusen Stadt, die ich beschrieben habe. Und wer auch immer in einem damit vergleichbaren Ort lebt, und sei es am Fuß der Rocky Mountains, ist Venezianer. In diesem Club jenseits von Gut und Böse gibt es jede Menge Häuser mit Kellern und jede Menge Unabomber, die nur darauf warten zu explodieren. Sich selbst und andere zu balkanisieren, für manche ist das die einzig mögliche Ausdrucksform, vielleicht sogar die einzig mögliche Kunstform.
Die Naiven aufzuklären, die noch immer in die Buchhandlungen unserer Welt rennen - der Welt, die sie, ihr und ich einigermaßen glücklich teilen - die Naiven aufzuklären bedeutet, kleine Bomben unter Sonnenschirme zu legen. Sie lesen zu lassen, was sie sind, was wir sind, bedeutet sie zu balkanisieren. Der Kritiker Filippo La Porta sagt, ich schriebe ziemlich harte Romane. Ich antworte: ja, ziemlich hart, aber immer noch nicht hart genug. Das Mindeste, was ich will, sind ein paar Fingerglieder, die meinem Leser um die Ohren fliegen, wenn er mich aus dem Bücherregal nimmt, ich will, dass er Schmerzen beim Lesen hat. Mein höchstes Ziel ist es, ihm eine Bombe in die Wohnung zu legen. Ich werde das meinem Verlag Mondadori sagen müssen, bisher habe ich es versäumt - keine Ahnung, ob die das gut finden.
Bei all dem handelt es sich nicht um eine Revolte - ich wäre gar nicht fähig, einer Revolte irgendeinen Sinn zu verleihen -, aber kann es denn möglich sein, eine Welt umzustülpen, dieses globale Venetien auszuziehen, das alles in gleicher Weise bedeckt, wie ein Kapuzenpulli, Größe XXL, ohne Anfang und ohne Ende? Nein, es geht wohl eher darum, es, so gut es geht, weiterhin anzubehalten. Und es ohne Hemmungen denen gegenüber zu tragen, die sich für es schämen, und es ihnen so vor Augen zu halten, einfach so. Um zu balkanisieren, um sie zu balkanisieren. Die eine oder andere Fingerkuppe zu zerquetschen, kann eine nützliche Tätigkeit sein, vor allem gegenüber denen, die mit dem Kauf eines Romans die Illusion verbinden, in seinem Inneren die Schönheit, die große Literatur, ja, den überhimmlischen Ort schlechthin zu finden. Dabei handelt es sich um ein mehr als moralisches Unternehmen: ich würde sagen, ein philanthropisches. Und in jedem Fall antiliterarisch, denn ihm fehlt auch jene anklagende Haltung, die den literarischen Charakter jedes realistischen Projekts verrät. Balkanisieren bedeutet, das zu zeigen, was vor der Realität kommt - das, was darunter liegt: nicht die venezianische Gesellschaft, sondern die venezianische Phänomenologie, wie den Marmeladenkuchen mit Löffel; nicht die Welt der Venezianer, sondern das Venezianische in der Welt, sei es in Padua, in Pordenone, in Triest oder am Fuß der Rocky Mountains.
Deshalb denke ich an meine Arbeit wie an ein beiläufiges Attentat, notwendigerweise gewaltsam, aber voller Liebe. Meine Geschichten in den Regalen der Buchhandlungen, sie warten auf einen Unbekannten, so wie die vielen kleinen und primitiven, sorgfältig unter den Sonnenschirmen deponierten Granaten.
Der Unabomber ist egoistisch und großzügig zugleich. Er ist nahe daran, in seinem dunklen Keller das Augenlicht zu verlieren, denn er kann nicht anders, aber er tut all das auch, damit andere sehen, was er sieht. Sein Werk gibt keine Erklärungen, es illustriert nichts, es repräsentiert nichts, und somit besteht keine Notwendigkeit, es zu interpretieren. Sein Werk wirkt, es ist energetisch, darstellende Kunst, man nimmt es mit seinen eigenen Schmerzen wahr, und das war's dann.
In dieser Gegend, in der Provinz Venetien im engen Sinne zu leben, erleichtert es ohne Zweifel, die Poetik des Unabombers zu entwickeln. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass es nicht das Gleiche wäre, in einem dieser kleinen Dörfer in den Colli Senesi zu leben, deren arkadischer Reichtum von Bertolucci in Gefühl und Verführung zur Genüge gefeiert wurde. Zu sehen, wie in San Donà del Piave ein Ferrari Testarossa aus einer Scheune gefahren wird, oder der Anblick der blinkenden Neonleuchte einer Pfarrgemeinde auf der Kirchturmspitze von Scorzé, zugegeben, so etwas macht die Sache schon einfacher. Und genau deshalb finde ich es richtig, die Beziehungen im Kopf zu haben, die zwischen meinem, unserem Schreiben und der privilegierten Beobachtungsstation liegen, in der wir wohnen und die der am weitesten vorgeschobene Brückenkopf des zeitgenössischen Synkretismus ist - ich sage das für die zwei, drei Nachzügler, die diese Tatsache immer noch nicht bemerkt haben, und vor allem für die Schöngeister, die Bertoluccis arkadischen Landschaften hinterhertrauern.
Ohne Scheu vor quasi lokalpatriotischen oder regionalistischen Argumenten meine ich also, im persönlichen Bestreben von Romolo Bugaro oder Giulio Mozzi und mir Kontinuitäten, Konstanten, vielleicht sogar eine gemeinsame Matrix erkennen zu können. Oder verkörpern Bugaros Monstren eines gut gestellten Venetien etwa nicht den universalen Typus, von dem auch in der aktuellen anthropologischen Forschung die Rede ist? Wie viel hat dessen Ungeheuerlichkeit mit uns zu tun?
Und andererseits, wie sehr ist die Vivisektion des menschlichen Geistes, die Mozzi in jeder seiner Erzählungen an sich selbst praktiziert, eine venezianische, eine zutiefst venezianische Praxis? Was machen diese beiden Autoren, wenn nicht genau das zu zeigen, was sie in ihrer Umgebung und in ihrem Inneren sehen? Balkanisieren sie damit nicht ihrerseits den Leser? Ist mit diesem Willen, die Leser mit Konventionen (so der eine) und Begierden (so der andere) zu konfrontieren, nicht eine Handlung verbunden, die der Brutalität der Unabomber-Aktionen gleichkommt?
Ach ja, der Unabomber. Den und seine nächtliche Saat hatten wir ganz alleine gelassen. Während wir uns in aller Ruhe den ästhetischen und moralischen Fragen dieser neuen Barbarei gewidmet haben, während wir ein paar Thesen für eine Verteidigung des Hässlichen dargelegt haben, hat der Unabomber sein Werk vollendet. Der Strand ist komplett vermint. Nun kann er sich wieder auf den Weg nach Hause machen. Im Wagen denkt er schon an die nächste Unternehmung: wie er sich vorbereiten, wo er sie realisieren, wieviel Zeit er zur Vorbereitung benötigen wird. Die subtile Freude während der Fahrt, darüber, bald auf die häusliche Couch und zur Fernbedienung zurückzukehren, bringt ihn in leichte Verlegenheit. Andererseits ist die Vorfreude auf die Rückreise eigentlich typisch für den venezianischen Reisenden.