Marko Pauli

Zwei, drei Tage im Leben des Ottner

Ottner ließ sich gerade von seiner Freundin aus deren Wohnung schicken.
"Dann überleg dir endlich mal was du wirklich willst!", rief sie halb verzweifelt hinter ihm her.
So ging er kurz darauf und zunächst etwas verstört durch die Straßen St. Paulis. Die Irritation wich bald der Freude, dass er es wahrscheinlich noch rechtzeitig zum HSV-Spiel schaffen würde: Wenn sie zuerst das andere Freitagsspiel zeigen, dann ist noch ein Werbeblock dazwischen - ging es ihm schon wieder recht logisch durch den Kopf.
Seine Freundin - man könnte eigentlich auch sagen Ex-Freundin - wohnt im Schulterblatt. Ein Grund, warum sie in diese eigentlich viel zu teure Wohnung zog, war, dass sie den Straßennamen so toll fand. Lieber noch wäre sie in den Ellenbogen, am Liebsten aber in die Tischbeinstraße gezogen.
So überquerte der Fußballhungrige Ottner zügig die Reeperbahn und war bald gar nicht mehr weit von seinem Zuhause entfernt. Den gut gefüllten Hans Albers Platz passierend, war er mal wieder froh, dass er hier nicht wohnte. Zu viele Prolls und Besoffene, da reagiert der Ottner allergisch.

Dass Ottner in wenigen Sekunden das Atmen und damit auch das HSV-Spiel schlagartig vergessen würde, konnte an dieser Stelle niemand erahnen. Ein Wagen fuhr langsam die Gerhardtstraße entlang, Passanten wechselten auf den Bürgersteig. Ottner bemerkte, dass die große Limousine keine Nummernschilder montiert hatte, wunderte sich aber nicht darüber: Phhh, Zuhälter! Die machen was sie wollen, geisterte es leicht vorurteilsbeladen durch Ottners Hirn. Seine Augen blieben - er fragte sich später, warum sie das wohl taten - auf dem vor ihm fahrenden Auto haften, als er - und ab da blieb Ottners Atem stehen - wahrnahm, wie sich ganz langsam und ruhig der Lauf eines Gewehres aus dem Beifahrerfenster herausbewegte. Das Gewehr glänzte neu und ein Schalldämpfer zierte seine Spitze. Im nächsten Moment verlängerte Ottner den Lauf der Wumme und seine Augen blieben an einem schmerbäuchigen Mann hängen. Er stand vor einem Etablissement und machte großmännische Gesten, ruderte mit den Armen und sperrte den Mund auf und zu. Zwei dunkelhäutige Männer und eine Frau in Skianzughose standen um ihn herum und kuckten den wichtigen Mann an. Sein weißes Hemd war gefüllt mit viel Eigenfleisch, das sich bei seinen herrischen Gesten unkontrolliert hin und herbewegte.

Kaum hatte sich Ottner in das Bild des Mannes vertieft, trat auch schon eine schlagartige Änderung ein: Die Souveränität wich aus dem schwammigen Gesicht, die Augen blickten irgendwie... erstaunt. Die rechte Hand fasste dahin, wo sich gerade rote Farbe auf dem weißen Hemd breit machte. Die Farbe war eindeutig das Blut des Mannes, und es floss ihm spendabel über die nun krallenartige Hand.
Ottner hatte immer noch nicht wieder Luft geholt, als der dicke Körper des Beschossenen reichlich unschön zusammensackte und sich unbequem auf den Boden legte. Die Bewunderer blickten ungläubig auf ihn hinab.
Als Ottner wieder mit dem gewohnten Atmen anfing, sah er noch, wie das Auto im gleichen Tempo weiter fuhr. Es war allerdings kein Gewehr mehr zu sehen. Als der Wagen auf die Erichstraße traf, ging der rechte Blinker an, das Auto allerdings fuhr nach links.

Im nächsten Moment nahm Ottner die hohe Stimme der Skihosen-Frau wahr. Sie schrie und sagte dann zwei, drei schnelle und unverständliche Sätze. Es wirkte nicht so, als ob sie zu den beiden Männern sprach, irgendwie mehr zu sich selber. Dabei spuckte sie aus, so als hätte sie einen schlechten Geschmack im Mund. Die Gesichtsausdrücke der beiden Männer hatten sich derweil etwas verändert. Schweigend schauten sie sich um und ihre Augen sahen dabei so aus, als hätten sie derlei gewaltige Momente nicht zum ersten Mal erlebt.
Ottner stand immer noch auf dem Platz, von wo aus er die ganze Szene beobachtet hatte. Der kleinere der beiden kleinen Männer schaute Ottner nun ruhig und durchdringend an. Ottner erschrak, und als der kalte Blick nicht von ihm ließ, überkroch ihn sekundenlang ein komisches Bild: Er und der kleine drahtige Mann waren die einzigen Bewohner auf einem grauenvollen Planeten. Sie befanden sich in einem Paralleluniversum, gemeißelt aus dem kalten Blick dieses Irren und aus seiner eigenen Angst. Er fühlte sich, als wäre er Ying oder Yang - jedenfalls der weiße Teil des Eso-Kreises - und die dunkle Macht würde ganz ohne Zweifel Überhand gewinnen. Es gab kein Entrinnen und Ottners Kehle schnürte sich zu.

Eine heulende Sirene pustete die Nebeldecke in Ottners Kopf weg. Langsam kam er zur Besinnung. Zum Glück, dachte er sich, ist die Davidwache gleich um die Ecke.
Hellwach nahm er wahr, dass der dicke Mann nun alleine und noch immer auf dem gleichen Fleck lag. Keine Spur von denen, die eben noch drum rum standen. Dafür hatte sich die nähere Umgebung jetzt mit Schaulustigen und Polizisten gefüllt. Ein Teil des Volkes hatte Bierdosen in der Hand, viele hatten Schirmmützen auf.
Augenblicklich dachte sich Ottner, dass einige der Mützen bestimmt schon das HSV-Ergebnis wussten. Er schlug gerade den Weg nach Hause ein, als ein Uniformierter ihn aufhielt und danach fragte, ob er etwas gesehen hatte. Ottner dachte kurz nach und bewegte dann seinen Mund und seine Zunge. In Verbindung mit Lauten, die er irgendwo aus der Kehle holte, erreichten kurz darauf Worte und ganze Sätze das Ohr des Polizisten.
Der Polizeimann führte Ottner zu einem Platz, an dem mehrere Polizisten und ein Mann mit Hut standen. Ottner schaute sich um, und sah, wie das umstehende Reeperbahn-Volk ihn anstarrte, ja womöglich für den Mörder hielt. Wieder nahm er Schirmmützen wahr, unter ihnen zermahlte Kauwerk sinnlos Kaugummi. Auch einige Mädchen standen da, instinktiv musterte Ottner potenzielle Kandidatinnen.

Der Mann mit Hut richtete das Wort an Ottner und sicherte sich so dessen Aufmerksamkeit: "N'abend. Bernd heiß ich. Also mit Nachnamen heiß ich so. Sie können also Herr Bernd zu mir sagen. Dann erzählen se mir mal, was Sie ja eben schon praktisch meinem Kollegen, dem Herrn ...äh, weiß ich jetzt nicht mehr, wie der heißt. Na!...äähhh, erzählten."
Ottner wurde etwas nervös, weil jetzt soviele Leute bereit waren, mit ihren Ohren Tonfall und Inhalt seiner Worte wahrzunehmen. Außerdem war die ganze Sache irgendwie schrecklich, und dass die ganze Welt jetzt so unheil war, das besorgte ihn.
Ottner begann etwas zerfahren, fing sich dann aber und vergaß die vertrauten Ängste. Er berichtete alles: von Wagen und Gewehrlauf, vom roten Blut und dem weißen Hemd, bis hin zum ungeheuerlichen Trio, welches jetzt verschwunden war. Aufmerksam schrieb ein Gehilfe von Bernd alles auf. Ottner fühlte sich jetzt sicher und wichtig.

Morgen früh sollte er sich auf dem Revier melden, jetzt konnte er gehen. Ottner tat wie ihm geheißen und ging nach Hause.
Zuhause trank Ottner noch drei Flaschen Bier und versuchte das gute HSV-Ergebnis (2:0) in Zusammenhang mit dem eben Erlebten zu bringen. Ottner war nämlich der Überzeugung, dass der HSV immer so spielt, wie er sich selbst gerade fühlt. Wenn es Ottner nicht gut ging, der HSV aber trotzdem gewann, so war Ottner schnell der Überzeugung, dass es ihm eigentlich doch gut ging, er es nur nicht erkannt hatte. Verlor der HSV, gab es zwei mögliche Reaktionen bei Ottner:
Erstens: er war betrübt, dachte sich aber: ist ja nur Fußball.
Zweitens: Ottner wurde zum Märtyrer. Ungefähr so: "Ja, ihr Gegner, freut euch nur für diesen Moment. Bald aber werdet ihr sehen: Das wirklich Gute wird siegen!"
An seine Freundin, bzw. Ex-Freundin dachte Ottner dann wieder, als es ruhig und dunkel wurde.
Und dann schlief er ein.


Mit unserer Besucher-Kamera fliegen wir in einen Hamburger Vorort, ca. 20 Km Luftlinie entfernt von dem Dach, unter dem Ottner friedlich schlief. Die meisten Häuser wurden schon schlafen gelegt, nur in einem brennt noch ein Licht - eben jenes steuern wir jetzt natürlich an.
Wir sehen: Es ist ein mächtiges Haus mit gewaltigem Eingangsportal.
Wir fliegen drüber hinweg und landen in einem dunklen Garten. Vorsichtig schleichen wir zum beleuchteten Fenster. Es ist die Küche. Eine Frau mit geknicktem Körper macht in Schneckentempo etwas sauber - obwohl man sagen muss, dass es nicht den Eindruck macht, als ob hier irgendetwas dreckig wäre, ja, als ob hier jemals etwas dreckig gewesen ist. Die geräumige Küche wirkt, als wäre sie überhaupt noch nie benutzt worden. Streng glänzen die stählernen Geräte. Wir schauen der Frau in die Augen, und sehen die pure Leere. Trostlos wandert ihr toter Blick durch den Raum, bleibt irgendwo an der Wand hängen und geht dann nach unten. Nichts und niemand, so scheint es, könnte diesen Blick mit Leben füllen. Ihre Lider schließen sich, erst jetzt sieht sie irgendwie menschlich aus. Ihr Alter ist schwer zu schätzen, vielleicht ist sie Ende 40, aussehen tut sie auf jeden Fall älter. Sie bewegt ein wenig ihren Kopf, um ihre Ohren in die Richtung zu drehen, aus der sie in diesem Moment ein Auto hört. Sand knirscht unter den Reifen, der Motor ist leise, dann geht er aus. Die Autotür geht auf, dann geht sie wieder zu. Kurz darauf öffnet sich die Haustür. Ein Mädchen kommt in die Küche. Offenbar kennen sich die beiden.
"Hallo Mama", sagt das Mädchen. Die Frau erwidert nichts. Nach ein paar Sekunden spricht sie doch: "Wo Papa nur wieder ist..." "Keine Ahnung. Gute Nacht." "Gute Nacht."


Der nächste Morgen. Wie man so schön sagt: Ein neuer Tag! Es schien die Sonne, und es war erfrischend hell und ... - frisch. Ottner ließ sich mit dem Wecker vom Handtelefon wecken. Nach einer Dusche und zwei Gläsern Kaffee ging er zur Davidswache.
"Der Kommissar Herr Bernd", sagte der Beamte am 'Empfang' "sitzt in seinem Büro. Folgen Sie mir bitte." Nach ein paar Windungen durch unruhige Bürolandschaft erreichten sie mehrere Einzelbüros. Eines war von innen mit Jalousien ausgekleidet. Durch die Lamellen konnte Ottner Bernds Hut erkennen - wie Ottner jetzt sah, war er aus rotem Leder.
"Hallo Kommissar Bernd" sagte der Beamte freundlich "hier ist der Herr Ottner für sie."
"Ja guten Tag Herr Ottner." begrüßte ihn Herr Bernd, und dann zu dem Beamten: "Danke Herr Kollege, sie können dann praktisch, äh, wieder gehen. Ich werde mich dann mal um den Herrn Ottner kümmern."
Als Bernd seinen Kopf nun zu Ottner drehte, schienen seine Augen nur mühsam mit der Bewegung des Kopfes mitzukommen, und auch nachdem er Ottner fokussiert hatte, lag noch etwas Wirres und schwer Einschätzbares in seinem Blick. Schwer einzuschätzen war auch der Sinn der kleinen Weihnachtskügelchen, die mit Angelschnur an Bernds Hutkrempe befestigt waren.
"Ja Herr Ottner, was sagen wir denn dazu, ein Mord!" sagte, ja schrie Herr Bernd fast. Ottner sah, wie der Beamte auf seinem langsamen Weg zurück zum Empfang, kurz zusammenzuckte. In normalem Tonfall fuhr Bernd fort:
"Der Tote wurde als Helmut Federmann identifiziert. Ein V-Mann erzählte mir vorhin, dass der Mann in der Zuhälterszene unter dem Namen "Flash" bekannt war - nicht, dass einer der anderen Zuhälter ihn wirklich so nannte, aber so stellte er sich den neuen Kollegen immer vor. Er platzte vor Jahren in die Szene und schmeißt seitdem mit jeder Menge Kohle um sich."
Ottner starrte den eigenartigen Mann an und versuchte, sich nicht von den hin und herbaumelnden Kügelchen irritieren zu lassen.
"Herr Ottner, dieses Auto, aus dem ganz offenbar der tödliche Schuss abgefeuert wurde, Sie können nicht sagen, was für ein Fabrikat das wahr, nicht wahr? Oder falls Sie es doch sagen können, können Sie es mir dann bitte sagen?"
Ottner kam sich irgendwie bekifft vor. "Nein, Herr Bernd, ich habe wirklich keine Ahnung. Das Auto machte auf mich aber einen amerikanischen Eindruck. Es war recht groß und hatte fremdländische Rücklichter."
"Nun gut, ich möchte, dass Sie und ich, dass wir beide also, gemeinsam mit meinem Auto, der Familie des Toten einen Besuch abstatten. Vielleicht finden wir ja etwas, was Sie wiedererkennen. Haben Sie mich verstanden, Herr Ottner?"
Ottner konnte nur nicken. Gemeinsam verließen die beiden das Präsidium.
Ottner fragte sich, warum bei Burger King trotz der frühen Stunde schon so viel los war.

Auf der Fahrt nach Blankenese erfuhr Ottner, dass Flash kein unbeschriebenes Blatt war. In der Vergangenheit wurden ihm, dem Ermordeten, selbst drei Tötungsdelikte vorgeworfen. Die so plötzlich Verstorbenen waren die drei älteren Schwestern der Ehefrau von Flash. Sie alle drei kamen kurz nacheinander und unter äußerst mysteriösen Umständen ums Leben. Zufälligerweise wurde Flash immer in der Nähe des Tatortes beobachtet. Große Teile der Erbschaften kamen der lieben Schwester zu, und selbst die Teile, die eigentlich nicht zu ihren Gunsten waren, bekam sie schließlich auch, da die eigentlich Beerbten wiederum die Schwestern waren, deren Nachlässe ja nun ihr, der einzig übriggebliebenen Verwandten zufielen. Durch diese zahlreichen und nicht zu knappen Erbschaften wurde die Familie steinreich. Flash holte sich die besten Anwälte, bzw. die mit dem meisten Einfluss, und ohne dass ihm ein Haar gekrümmt wurde, kam er aus der ganzen Sache heraus. Danach fing er mit dem Zuhältertum an. Er kaufte sich eine Handvoll Frauen, nannte sich von nun an Flash, ließ sich die Haare wachsen und eine Dauerwelle verpassen.
"Kein Zuhälter trägt heutzutage noch eine Dauerwelle. Flash war kein Zuhälter, er mimte einen."
Während Bernd all dies erzählte, schaute er nicht nur auf die Straße, sondern auch immer wieder zu Ottner, bzw. eigentlich knapp an dem vorbei. Ottner hoffte, dass Bernd seinen Fokussierfehler im Griff hatte, und dass sie nicht irgendwann knapp an der Straße vorbeifuhren und ein Haus rammten oder eine Kuh.
Wie schnell man doch aus der Stadt raus war. Hier lagen keine Flaschen auf dem Gehweg, lässig hingen hier Kühe am Straßenrand ab und kauten etwas, vermutlich Gras.
"Wenn es einen Sinn machen würde," fuhr Bernd fort "hätte ich den Verdacht, dass Flash sich selber umgebracht hat, um einen finanziellen Vorteil für sich herauszuholen. Aber es macht ja keinen Sinn..."
Sie waren schon eine Weile unterwegs und Ottner fragte sich zum wiederholten Male, warum die Leute in ihren Autos an der Ampel immer so spät schalten. Die Ampel wird grün und es wäre an der Zeit loszufahren. Die Glieder der Schlange aber bewegen sich zäh und es vergehen Stunden, bis sie bei einem ankommen. Wenn die Menschen wirklich so sind, dann kann man eigentlich keine Hoffnung haben, schloss Ottner den Gedanken ab.

Schließlich kamen die beiden beim pompösen Wohnhaus der Familie an. "Ach ja, Ottner, machen Sie sich keine Sorgen, die Familie wurde schon benachrichtigt."
Ottner machte sich keine Sorgen, er fand die ganze Angelegenheit äußerst spannend. Er wunderte sich höchstens ein bisschen, dass der kauzige Kommissar ihn einfach mitnahm.
Sie klingelten an der Eingangspforte. Eine Stimme ertönte: "Ja?" "Guten Tag. Kommissar Bernd von der Kripo Hamburg. Dürfen wir vielleicht kurz mal reinkommen?"
Die Eingangstür surrte, Bernd und Ottner betraten das Grundstück. Bis zur eigentlichen Haustür waren es noch etwa 50 Meter auf einem Sandweg. Bernd nahm während des Fußmarsches seinen Hut ab. Ottner beobachtete, wie der Kommissar die Kügelchen in kleinen Täschchen verstaute, die an der Innenseite des Hutes angebracht waren. Der Hut sah jetzt aus wie ein ganz normaler roter Lederhut. Die Haare, die jetzt zum Vorschein kamen, waren dünn, dafür aber relativ lang und strähnig und vielleicht etwas fettig.
Eine Haushälterin machte ihnen die Tür auf. Die Frau hatte eine weiße Schürze um, an den Füßen lugte eine beige Hose mit einer Bügelfalte hervor.
"Frau Hubertus-Federmann erwartet Sie in der Küche." war alles, was unser Gespann zu Hören bekam.

Frau Hubertus-Federmann saß geknickt am Küchentisch. Sie nahm eindeutig keine Notiz von den frisch eingetroffenen Gästen. Auf ihrem gen Küchentisch gerichteten Gesicht trug sie den gleichen apathischen Ausdruck wie wir ihn schon vergangene Nacht wahrnehmen mussten. Nach ein paar Sekunden richtete Bernd das Wort an sie:
"Frau Hubertus-Federmann, ich bin Kommissar Bernd von der Kripo Hamburg. Das ist mein Assistent Herr Ottner. Auch wenn es Ihnen schwer fällt, möchten wir Ihnen besser heute als morgen ein paar Fragen stellen, damit wir..."
Mitten im Satz ging erneut die Haustür auf. Eine junge Frau, etwa in Ottners Alter, kam herein und erschrak, als sie die beiden fremden Männer in der Küche sah.
"Wer sind Sie und was wollen Sie von meiner Mutter?" riss sie mit hoher Stimme das Geschehen an sich. Kritisch musterte sie Bernd und vor allem Ottner. Ottner seinerseits fragte sich, ob dieses schöne und energische Mädchen wohl einen Freund hätte. Ihr dunkles Haar war so weich und frisch gewaschen, dass es ihm schien, als müsste sie einen haben. Bernd erklärte ihr, wer sie waren. Als er Ottner wieder als seinen Assistenten vorstellte, sah sie diesen ungläubig und durchdringend an. Keine Frage, Ottner fühlte sich ertappt.
Was sie denn meine, wer ihren Vater getötet haben könnte, wollte Bernd schließlich wissen. "Puh, das hätte beinahe jeder gewesen sein können. Er hatte eigentlich nur Feinde."
"Hör auf, so über deinen Vater zu sprechen!" platzte es hysterisch aus der bisher stummen Mutter hervor.
Die Tochter schrie zurück: "Du weißt doch genau, dass es so ist, dass Vater ein mieser Typ war. Und dieser Scheißbulle und sein Praktikant hier, die werden auch diesmal nichts herausfinden!"
Nach ein paar Momenten der Stille fuhr Bernd unbeirrt fort und fragte, wo die beiden sich gestern Abend aufgehalten hätten.
"Ich war den ganzen Abend hier in der Küche." sagte die Mutter, "ich war bei meinem Freund", sagte die Tochter.
War ja klar, dachte sich Ottner. "Fahren Sie Auto, haben Sie einen Führerschein?" kam Bernd jetzt zur Sache.
"Ich verstehe zwar nicht, warum sie das wissen wollen, aber ja: Ich habe einen Führerschein, ich habe aber kein Auto. Ich fahre auch so selten wie möglich. Meine Mutter hat übrigens auch kein Auto." sagte die Tochter.
"Was ist mit Ihrem Freund?" fragte Bernd.
"Der hat zwar nen Führerschein, aber der fährt so schlecht, dass ich nicht bei ihm einsteigen würde. Außerdem verwechselt er ständig links und rechts."
Ottner wurde plötzlich sehr warm, ihm kam die Szene nach dem Mord wieder in den Kopf, und ihm fiel auf, dass er Bernd doch nicht alles erzählt hatte.
Die Mutter fing jetzt an zu weinen, und Bernd befand zu Ottners Erleichterung, dass es an der Zeit wäre zu gehen. "Meine Damen, wir sehen uns bald wieder", verabschiedete sich Bernd professionell. Ottner versuchte der Tochter zum Abschied noch ein aufmunterndes Lächeln zuzuwerfen. Als er allerdings ihre eiserne Miene sah, verkam sein Versuch zu einer Missgeburt.

Auf dem Rückweg zum Auto setzte Bernd wieder seinen Hut auf, und fröhlich wie ein Hund, der endlich Gassi gehen darf, schüttelte er während des Gehens den Kopf und beobachtete dabei die Kügelchen, die um seinen Kopf schwirrten.
"Ottner, wir müssen das Auto finden. Vielleicht sollten wir uns auf dem Kiez umsehen."
Ottner sagte nichts.
"Ich fahre Sie jetzt nach Hause, Ottner. Sobald sich etwas wegen dem Wagen ergibt, melde ich mich bei Ihnen."

In der Nacht träumte Ottner von dem Haus in Blankenese, er sah die Mutter immer noch in der Küche sitzen. Seine Ex-Freundin duschte im oberen Stockwerk, während er vor dem Küchenfenster die schöne Mörderin küsste.

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