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Paolo Nori

Auf die Interviewfrage, ob er sich einer neuen Welle von Schriftstellern zugehörig fühle, die sich vom Pulp- (d.h. Kannibalen-)Klischee entfernt hätten, antwortet Nori mit dem Hinweis auf den reinen (wenn auch gelungenen) Marketing-Charakter des literarischen Kannibalismus in Italien. Die Ablehnung literarischer Klischees nützt dem Autor, Lagerarbeiter und Übersetzer aus Parma wenig, wird er doch in jedem Interview mit Fragen belästigt, die auch Benjamin von Stuckrad-Barre lange schon zum Halse raushängen dürften: wie autobiographisch seine Romane seien.

Nori, Jahrgang 63, produziert Romane wie am Fließband. Nach seinem Debut LE COSE NON SONO LE COSE (Die Dinge sind nicht die Dinge), das beim kleinen Verlag Fernandel erschienen ist, folgten bei Einaudi zunächst BASSOTUBA NON C'È (Weg ist sie! - Titel der dt. Übersetzung bei Wagenbach Buchcover), SPINOZA, DIAVOLI sowie GRANDI USTIONATI (Schwere Verbrennungen Probeübersetzung).

Das vorerst letzte bei Einaudi erschiene Nori-Buch führt den Titel SI CHIAMA FRANCESCA, QUESTO ROMANZO (Dieser Roman heißt Francesca). Anfang 2003 erschien GLI SCARTI ( Buchcover; mein dt. Arbeitstitel: Ausschussware, nunmehr bei Feltrinelli - eins der Romanthemen: Learco Ferraris Abrechnung mit seinen sympathischen Verlegern von Einaudi; 2004 folgte PANCETTA, ebenso bei Feltrinelli.

Bei Learco Ferrari handelt es sich um den Protagonisten von Noris Romanen - Autor, Lagerarbeiter und Übersetzer mit leichtem Hang zur Zwanghaftigkeit. Die Handlung der ersten Romane spielt sich jeweils innerhalb eines Tages ab. Keine große Epik also, aber doch genügend Zeit für tausende von Gedanken, die oberflächlich betrachtet um ein naiv dargestelltes Schriftstellerdasein kreisen, in Wirklichkeit jedoch weit darüber hinaus wachsen.

Sprachlich ist Nori ein Genie - jeder Versuch einer Charakterisierung muss daran scheitern - und in Italien sprechen seit längerer Zeit einige vom 'Phänomen Nori'. In einem Interview darauf angesprochen, erwidert der Autor:

"Als der Artikel von Appiotti [zum 'Phänomen Nori'] herauskam, hat mich [mein Verleger] Repetti angerufen, er sagte mir Hör mal, da ist ein Artikel erschienen, der von dir als dem Autor des Jahres 2000 spricht, dass du den Jackpot geknackt hättest, geh dir die Zeitung kaufen und lies den Artikel, hat Repetti mir gesagt. Sofort geh ich die Zeitung kaufen, hab ich zu ihm gesagt. Also hab ich mich angezogen, bin außer Haus gegangen, bin zum Zeitungsladen gegangen und hab den Indice gekauft. Ich geh zur letzten Seite, wo die zitierten Autoren in alphabetischer Reihe aufgelistet sind, unter N steht niemand. Ich nehme das Telefon, rufe Repetti an, Repetti, sag ich ihm, hör mal, ich hab den Indice gekauft, von mir kein Wort. Paolo, sagt Repetti, Tuttolibri, nicht den Indice. Du musst Tuttolibri kaufen. La Stampa. Er macht eine Pause, atmet, dann sagt er. Gehe zum Zeitungsladen, verlange nach La-Stam-pa. Entschuldige, sage ich zu Repetti. Ich gehe zum Zeitungsladen, ich kaufe La Stampa. Ich hab ne Menge Geld für Zeitungen ausgegeben, damals, an jenem Tag."

Trotz einiger positiver Rezensionen wird es zum 'Phänomen Nori' in unseren Breiten wohl so bald nicht kommen. Oder wie Ambros Waibel sagt: "Hierzulande ist es allerdings ein einsames Vergnügen, ihn zu lieben [...]". Wagenbach jedenfalls hält sich mit weiteren Übersetzungen zurück - schade drum. Wie bei Mauro Covacich, so gilt auch hier: Interessierte kontaktieren mich per E-Mail oder Kontaktformular.

Weitere, oben nicht genannte Nori-Titel:
  • Pancetta (Feltrinelli, 2004)
  • Learco. In un'ora, nove romanzi in musica con Learco Ferrari, in un'ora (Sossella 2004)
  • Ente nazionale della cinematografia popolare (Feltrinelli 2005)
  • I quattro cani di Pavlov (Bompiani 2006)
  • Noi la farem vendetta (Feltrinelli 2006)
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