Mauro Covacich

Gegenliebe


aus: L'amore contro. Mondadori 2001.

Probeübersetzung © Olaf Grabienski


Das erste Kapitel: Minus siebenundsiebzig

Das war mir vorher noch nie passiert. Gut, ich hätte es voraussehen können: Der Schieber der Pumpe war rostig, die Ventilklappe des Druckreglers hatte mir schon so manchen Streich gespielt, das Klärbecken war voller, als man sich denken kann. Aber trotzdem, für eine Katastrophe dieser Art hätte all das nicht gereicht. Entscheidend für das Ergebnis war vielmehr die Reihenfolge, das perfekte Zusammenspiel der Dinge. Gestern vormittag hat mich die Intelligenz der Dinge getroffen.

Ich war fast fertig; froh, dass schon Freitag war. Der Tank gluckerte selbstzufrieden. Die Druckanzeige zeigte schon länger komfortable minus eins an. Als ich jedoch die Ventilklappe geschlossen habe, drehte sich der Hebel einmal ganz herum, Unterdruck wurde zu Überdruck, und sich wieder zurückdrehen zu lassen: davon wollte der Hebel nichts wissen. Die Pumpe blähte sich auf, rutschte aus der Leitung und besprühte die ganze Umgebung mit Jauche.

Sie drehte sich wie wahnsinnig auf halber Höhe. Die Jauche spritzte ununterbrochen, und ich stand wie angewurzelt unter dem Sprühregen. Ich sah ein weißes Löschfahrzeug, einen niedrigen Himmel zwischen Einfamilienhäusern und einen Idioten, der unbeweglich neben einer Python stand, die dabei war, all das wieder auszuspucken, was sie eben noch hinuntergeschlungen hatte. Dass dies Geschehen etwas mit mir zu tun hatte, daran konnte ich nicht glauben. Die Überraschung war so groß, dass ich noch nicht mal sofort kotzen musste. Als erstes ist es mir gelungen, die Pumpe wieder in die Hände zu bekommen; beim Versuch, sie wieder zu schließen, blockierte der Schieber auf halber Strecke, so dass der Druck des Strahls sich noch erhöhte. In diesem Augenblick bekam ich einen Spritzer direkt ins Gesicht, und das Kotzen kam dann ganz von alleine.

Keiner, den man bitten konnte, auf den LKW zu springen. Rechts und links nichts als verlassene Privatwege. Auch die Häuser wirkten unbewohnt. Ich musste den Brechreiz unterdrücken, um den Wagen herumlaufen, dreckig wie ich war in die Kabine steigen und die Zündung ausstellen. Und dort habe ich verstanden, dass sie Intelligenz besaßen: die Dinge besaßen Intelligenz, um sich querzustellen. Ja, Intelligenz, denn der Zündschlüssel drehte sich, aber der Motor ging nicht aus. Und als ich versuchte, ihn durch Einlegen des Ganges abzuwürgen, kam die Kupplung nicht, und das Mistvieh lief im ersten Gang weiter, als wäre es noch im Leerlauf. Ich legte meinen Kopf auf's Lenkrad, von meinen Haaren tropfte es auf den Sitz, und ich dachte, Anlassermotor und Kupplung können nur im selben Moment kaputtgehen, wenn sie so etwas wie intelligente Wesen sind. Gestern vormittag habe ich es vielleicht noch nicht so genau verstanden, aber jetzt, wenn ich nochmal mit kühlem Kopf darüber nachdenke, lässt es sich nicht mehr bestreiten.

Als ich wieder raus bin, stand der Wagen in einem See aus Jauche, der sich schon in Richtung Straße ausbreitete. Ich glaube nicht, dass ich den Geruch angemessen beschreiben kann; das einzige, was ich dazu sagen kann, ist, dass ich wieder angefangen habe zu kotzen. Ich musste in der Firma anrufen: Wenn sich jemand auf der Straße verletzen würde, konnte es sein, dass sie unsere Lizenz einziehen. Und ich würde meine Arbeit verlieren. Ich klingelte beim nächstliegenden Haus. Während des Wartens suchte ich die richtigen Anfangsworte, aber mir fiel nichts ein, nicht einmal Guten Tag oder Entschuldigen Sie bitte, nichts. Ich erstickte innerlich, mein Kopf war voller Ameisen, die dabei waren, alle Worte aufzunagen.

Sie öffnete, dann brauchte sie erstmal einige Sekunden, um den Schlaf loszuwerden und mich genauer anzusehen. Und da dachte ich wieder, dass nicht ich das bin - der, den sie da mitten in der Scheiße erblickte. Stattdessen war ich immer noch verwirrt, nunmehr vom Anblick ihres Männerpyjamas und ihrer nackten Füße. Und von noch einer Sache: beim Öffnen hatte sie kein Wort gesagt. Weder Wer ist da, noch Guten Tag, auch kein Was wollen Sie. Wahrscheinlich hat sie auf ein Zeichen von mir gewartet, um zu kapieren, ob sie immer noch schlief, oder ob das, was da vor ihr stand, zur Realität gehörte. Sie kniff die Augen vor der Helligkeit zusammen und biss sich auf die Lippen. Es mag komisch klingen, aber ich glaube, für einen Moment hatten wir den gleichen Gedanken: ein Teil der Brühe, die mir auf die Füße tropfte, musste von ihr stammen. Ich weiß, es ist absurd; diese Brühe, das waren die sogenannten Ausscheidungsstoffe von mindestens sechs Wohneinheiten, sie lagerten dort bereits mehrere Monate, und es hatte keinen Sinn, sie irgendjemandem persönlich zuzuordnen. Aber trotzdem bin ich mir sicher, dass jener Gedanke von meinem in ihren oder von ihrem in meinen Kopf wanderte und dann zu kreisen begann, bis wir uns schließlich im selben Kreis befanden. Von daher kommt mir die Art, in der ich mich aus der bedrückenden Situation befreit habe, gar nicht mehr so lächerlich vor, auch wenn sie sich darüber fast totgelacht hat. Im Grunde waren es meine ersten Worte.

"Ich habe Ihren Klingelknopf dreckig gemacht", sagte ich zu ihr.

[...]

Falls Sie Verlagsmitarbeiter und an Covacich interessiert sind, können Sie per E-Mail [grabienski(a)gmx.de] oder Kontaktformular eine längere Probeübersetzung oder ein Gutachten zu diesem Roman anfordern.

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