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Es galt für Ingeborg Bachmann, [...] diejenige Schaffensperiode Ungarettis beinahe ganz auszuschließen, die zeitlich mit den ersten sechzehn Jahren des italienischen Faschismus zusammenfällt [...]. |
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Böschenstein legt nun die Vermutung nahe, das habe (neben anderen) politische Gründe gehabt, ohne diese jedoch genau zu benennen. Böschenstein spricht von einer Periode in der Dichtung Ungarettis, die zeitlich mit einem Teil des italienischen Faschismus bzw. den Jahren der faschistischen Herrschaft zusammenfällt. Er vermeidet es jedoch, zwei Dinge explizit auszusprechen: Giuseppe Ungaretti war - zumindest zeitweise - selber bekennender Faschist [ 2 ], Ingeborg Bachmann und Paul Celan hingegen gehören zu den prominentesten NachkriegsautorInnen mit antifaschistischer Haltung. Ich möchte in dieser Arbeit zeigen, dass Böschenstein in seinem Aufsatz nicht zufällig eine elegante Formulierung für einen delikaten Sachverhalt wählt, sondern dass er nahezu gezwungen ist, sich vorsichtig auszudrücken. Denn die zeitweilige Bindung Ungarettis an den italienischen Faschismus ist zwar alles andere als unbekannt, sie wurde aber im deutschsprachigen Raum wenig diskutiert. Eine solche fehlende Diskussion kann grundsätzlich mehrere Ursachen haben: als erstes drängt sich die These auf, bisher habe sich einfach niemand für das Spannungsverhältnis von (anzuerkennender) Dichtung und (abzulehnender) politischer Haltung bei Ungaretti interessiert. [ 3 ] Diese These ist unwahrscheinlich, da ein Spannungsverhältnis - wie z.B. oben bei Böschenstein - implizit in vielen Texten präsent ist, und zwar nicht nur in der außergewöhnlichen Konstellation Bachmann-Celan-Ungaretti, sondern ebenso in einer, wie Montale-Ungaretti [ 4 ] oder in umfassenderen Themenfeldern, wie z.B. der Thematisierung der italienischen faschistischen Kulturpolitik in der Literaturgeschichtsschreibung. Weitaus wahrscheinlicher erscheint es mir, statt von mangelndem Interesse von folgender These auszugehen: sowohl das gesellschaftliche Phänomen Faschismus, als auch die Biographie und die Dichtung Giuseppe Ungarettis sind so komplex, dass es einer umfassenden Anstrengung bedürfte, die Themenfelder adäquat miteinander zu verbinden. Dies ist bisher nicht geschehen. Zu bedenken ist weiterhin, dass der Faschismus ein Bereich ist, der moralisch und emotional extrem belastet ist. VertreterInnen der älteren Generation (einschließlich Ungaretti) sind oder waren in der Nachkriegszeit gefährdet, ihr eventuell konformes Verhalten im Faschismus gegenüber den Jüngeren zu rechtfertigen oder zu beschönigen. VertreterInnen der jüngeren Generation hingegen mögen sich scheuen, gegenüber den Älteren mit nicht mehr, als mit einer moralischen Anklage aufzutreten. |
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Die Ausgangssituation dieser Arbeit war: was kann ich, als literarisch und politisch Interessierter, über das Spannungsverhältnis zwischen Ungaretti und dem Faschismus erfahren? Nach dem Lesen mehrerer Literaturgeschichten, Anthologien, Nachworte zu Übersetzungen und Aufsätze konnte ich mir zwar ein erstes, vages Bild machen. Gleichzeitig aber stellte ich fest, dass das Thema in vielen der verschiedenen Textsorten vorwiegend am Rande gestreift wird und eher von punktuellen Informationen oder auch Vermutungen gespeist zu sein scheint. Im Folgenden soll es darum gehen, die entsprechenden Ansätze, ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten, aber vor allem auch ihre Lücken aufzuzeigen und zu diskutieren. Die Beschränkung auf die deutschsprachige Rezeption Ungarettis nach 1945 ergibt sich pragmatisch gesehen aus Gründen des begrenzten Umfangs einer Proseminararbeit; die Zahl der deutschsprachigen Erscheinungen zu Ungaretti ist noch zu überblicken und erlaubt zwar keine Würdigung aller, aber doch vieler der wichtigen Texte; eine genauere Betrachtung der italienischen Diskussion würde den Rahmen sprengen. Ins Blickfeld gerät durch die Eingrenzung zudem ein sinnvoll bestimmter Zeitabschnitt, und zwar in dem Sinne, als dass die Rezeption Ungarettis vor 1945, also im deutschen Faschismus, eine eigene Untersuchung Wert wäre. [ 5 ] Kaum einer der modernen italienischen Dichter (mit Ausnahme von Pier Paolo Pasolini, der jedoch nur zum Teil seiner Lyrik wegen rezipiert wird sowie einen völlig anderen Stil geprägt hat als Ungaretti) ist im deutschsprachigen Raum so viel übersetzt, veröffentlicht und besprochen worden wie Giuseppe Ungaretti. Die Forschung zu Ungaretti ist daher relativ umfangreich, wenn auch Hermann Wetzels Aussage, die moderne italienische Lyrik werde hierzulande, absolut gesehen, "eher stiefmütterlich behandelt" [ 6 ], sicherlich zuzustimmen ist. Obwohl in Italien noch eine historisch-kritische Gesamtausgabe Ungarettis fehlt [ 7 ], kann sich die Forschung auf ein breites Quellenmaterial stützen. Neben den (unvollständigen, aber von Ungaretti und den Herausgebern umfangreich kommentierten) Ausgaben der Gedichtbände und der Prosaschriften Vita d'un uomo sind z.B. mehrere umfangreiche Briefwechsel und weitere Schriften Ungarettis zugänglich. [ 8 ] Hinzu kommt eine Vielzahl von Einzeluntersuchungen. Wie aber Elisabeth Görner in ihrer Untersuchung zu Ungarettis frühen poetologischen Schriften festgestellt hat, stützt die Forschung sich neben den Gedichtsammlungen überwiegend auf Ungarettis umfangreiche Selbstkommentierungen und läuft dabei teilweise Gefahr, eine Selbstinszenierung Ungarettis unreflektiert zu übernehmen. [ 9 ] Dass die Beschäftigung mit dem Themenkomplex Ungaretti-Faschismus in Italien noch (oder wieder) aktuell ist, zeigen zwei sehr unterschiedliche Veröffentlichungen der letzten Jahre: 1997 erschien Francesca Petrocchis Untersuchung Scrittori italiani e fascismo, in welcher sie in einem eigenen Kapitel und teilweise anhand von bis dahin unveröffentlichtem Archivmaterial die Beziehungen zwischen Ungaretti und Mussolini untersucht. [ 10 ] Zwei Jahre zuvor erschien Maurizio Maggianis (im selben Jahr zweifach preisgekrönter) Roman Il coraggio del pettirosso, in dem ein wesentlicher Erzählstrang der Ambivalenz von Ungarettis Poesie und politischer Haltung gewidmet ist. Im anarchistischen Milieu ausgewanderter Italiener im ägyptischen Alessandria, dem Geburtsort Ungarettis, ist eine der ersten Meinungen, die der Protagonist zu Ungaretti hört, folgende: Comunque, per inciso, quello là, il traditore come lo chiami, è bravo, e in più mi piace. È diventato fascista, sicuro, e per quello che ne so potrebbe anche esserlo rimasto fino a oggi o aver rinnegato per la seconda volta. Però è bravo e mi piace, non ci posso fare niente. Ha tradito l'ideale per opportunismo o perché è impazzito o per qualche ragione più schifosa, ma quello che ha fatto della sua vita non sono state porcate da fascista. [ 11 ] |
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Ich will in dieser Arbeit untersuchen, ob oder wie ein Strang der italienischen Rezeption - die Thematisierung des Verhältnisses Ungaretti-Faschismus - auch im deutschsprachigen Raum eine Rolle spielt. Die Rezeption Ungarettis im deutschen Sprachraum wurde bisher nur in Teilbereichen untersucht. Ungaretti ist aber insofern ein Glücksfall, als dass er von prominenten deutsch-sprachigen AutorInnen übersetzt wurde. [ 12 ] Es sind fast ausschließlich die Arbeiten zu Ingeborg Bachmanns und Paul Celans Übersetzungspraxis, die einen Blick auf die Rezeption des 'deutschen Ungaretti' erlauben. Bisher nicht untersucht, aber nicht minder wichtig sind die umfangreichen Übersetzungstätigkeiten Hanno Helblings und Michael Marschall von Biebersteins. Dazu kommt - neben den nicht wenigen Einzelarbeiten - die deutsche Ungaretti-Werkausgabe von Angelika Baader und Michael von Killisch-Horn (19), in der neben den Gedichten auch kommentierende Prosatexte von und zu Ungaretti publiziert sind. Baader und Killisch-Horn bieten außerdem reichlich empirisches Material, u.a. eine sehr umfangreiche Übersicht der bisher ins Deutsche übersetzten Gedichte Ungarettis. [ 13 ] Da die Literaturgeschichtsschreibung sich vorwiegend an den sogenannten Nationalliteraturen orientiert, äußert sie sich wenig zu der Rezeption Ungarettis im deutschen Sprachraum. Dies gilt sowohl für die italienischen, als auch für die deutschen Literaturgeschichten. Da aber Literaturgeschichtsschreibung heutzutage fast immer auch Sozialgeschichtsschreibung beinhaltet, gerät dort in unterschiedlichem Ausmaß die Beschäftigung mit dem Literaturbetrieb im italienischen Faschismus ins Blickfeld. Die deutschsprachige Literaturgeschichtsschreibung ist zugleich Teil der deutschsprachigen Ungaretti-Rezeption, und daher ist sie potentiell auch Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Beispielhaft seien hier einige Fragen genannt, die sich sowohl an die Literaturgeschichtsschreibung, als auch an andere Textsorten in Bezug auf das Thema Ungaretti-Faschismus stellen lassen: Was wissen die AutorInnen über das Thema? Stützen sie sich auf Quellen oder Vermutungen? Äußern sie ihr Wissen explizit oder implizit? Messen sie dem Thema eine hohe oder niedrige Bedeutung bei? Liegt die Bedeutung eher im politisch-sozialen oder (auch) im poetologischen Bereich? Am Beginn meiner Arbeit stehen einige der deutschsprachigen Übersetzungen Ungarettis bzw. die dazu vorhandenen Begleittexte, da jener durch diese einem breiten Publikum erst bekannt wurde. Zwischen den Übersetzungen und der Literaturgeschichtsschreibung steht eine Art Kombination beider Textsorten, wie z.B. die Essaysammlung Hans Hinterhäusers Italienische Lyrik im 20. Jahrhundert, oder der Almanach zur italienischen Literatur der Gegenwart. [ 14 ] Unter den deutschsprachigen italienischen Literaturgeschichten habe ich diejenigen ausgewählt, die in den meisten Seminarbibliotheken zugänglich sind. Neben den umfassenden einbändigen Geschichten von Manfred Hardt und Volker Kapp ist das der dritte Band der aus dem Italienischen übersetzten und modifizierten Geschichte der italienischen Literatur. [ 15 ] Der begrenzte Umfang dieser Arbeit gebietet einige Schwerpunktsetzungen. Ausführlicher werden daher die Übersetzungen bzw. ihre Begleittexte sowie die Anthologien und Darstellungen der italienischen Gegenwartsliteratur untersucht. Die Untersuchung der umfangreicheren Literaturgeschichten sowie einzelner Aufsätze und Forschungsarbeiten werde ich, soweit es der Inhalt erforderlich macht, kontrastierend einarbeiten. Auf eine Frage, die über der ganzen Arbeit schwebt - 'Wie war es denn nun mit Ungaretti und dem Faschismus?' - werden die LeserInnen keine Antwort erwarten können. Zu groß und zu zahlreich sind die entsprechenden Forschungslücken, als dass sie in diesem Rahmen auch nur annähernd gefüllt werden könnten. Sichtbar werden wird vielmehr, wie sich in wesentlichen Teilen der deutschsprachigen Rezeption ein Ungaretti-Bild entwickelt hat, von dessen Inhalt ich meine behaupten zu können: so ist es nicht gewesen. |
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Das war: G. Ungaretti und der Faschismus - Einleitung |
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Fußnoten [ 1 ] Bernhard Böschenstein, Exterritorial. Anmerkungen zu Ingeborg Bachmanns deutschem Ungaretti. Mit einem Anhang über Paul Celans Übertragung des Spätwerks, in: Theo Elm/Gerd Hemmerich (Hg.), Zur Geschichtlichkeit der Moderne. Der Begriff der literarischen Moderne in Theorie und Deutung. Ulrich Fülleborn zum 60. Geburtstag. München 1982, S. 307-322, hier: 307 (Zitat 1) und 317 (Zitat 2). [ 2 ] Ein Hinweis von vielen für Ungarettis positiven Bezug auf den Faschismus: Einen Protestbrief an die Zeitschrift "La Nouvelle Revue Française", veröffentlicht am 1. August 1931, signiert Ungaretti mit den Worten: "Giuseppe Ungaretti, fasciste". Der Brief bezieht sich auf G. Ribémont-Dessaignes' Essay "Histoire de Dada", welcher weitere Protestbriefe nach sich zog, unter anderem den von Louis Aragon, welcher - Ungaretti vorhergehend - mit der Wendung "Salutations communistes" unterzeichnete. Ungarettis Brief ist abgedruckt in: G. Ungaretti, Vita d'un uomo. Saggi e interventi, a cura di Mario Diacono e Luciano Rebay. Milano 1982, S. 38. [ 3 ] Ungaretti gehört zu den im deutschen Sprachraum bekanntesten und anerkanntesten modernen italienischen Lyrikern - Folge u.a. der Übertragungen Ingeborg Bachmanns und Paul Celans. Der Faschismus hingegen ist die Gesellschafts- oder Herrschaftsform dieses Jahrhunderts, mit der sich im Literaturbetrieb heutzutage die wenigsten identifizieren dürften. [ 4 ] Eugenio Montale ist neben Ungaretti und Salvatore Quasimodo der dritte berühmte 'hermetische' Dichter Italiens. Im Gegensatz zu Ungaretti bekam er - aufgrund seiner antifaschistischen Haltung - Schwierigkeiten mit dem Regime. [ 5 ] Dies gilt auch für die DDR-Rezeption, die von mir nicht betrachtet wird. Vgl. dazu: Ernst Strebel, Übersetzte italienische Lyrik des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum. Untersuchungen am Beispiel von Eugenio Montale. Zürich 1984. [ 6 ] Hermann H. Wetzel, Deutsche Übersetzungen moderner italienischer Lyrik I. Zur editorischen Praxis am Beispiel Ungarettis, in: Italienisch 31 (1994), S. 16-25, hier: 16. [ 7 ] Kritische Ausgaben liegen in Italien von den Gedichtbänden "Allegria" und "Sentimento del tempo" vor. Vgl. Wetzel, S. 16, Anm. 10. [ 8 ] Gesammelte Gedichte: Vita d'un uomo. Tutte le poesie, a cura di Leone Piccioni. Milano 1992; gesammelte Prosa: Vita d'un uomo. Saggi e interventi, a cura di Mario Diacono e Luciano Rebay. Milano 1982; Briefe: Lettere a Giovanni Papini 1915-1948, a cura di Maria Antonietta Terzoli. Introduzione di Leone Piccioni. Milano 1988; Lettere a Soffici 1917-1930, a cura di Paola Montefoschi e Leone Piccioni. Firenze 1981; weiteres: Invenzione della poesia moderna. Lezioni brasiliane di letteratura (1937-1942), a cura di Paola Montefoschi. Napoli 1984. [ 9 ]Elisabeth Görner, Ungarettis frühe Schriften zur Literatur. Tübingen 1996, S. 7-9. [ 10 ] Einige Literaturhinweise zur Frage der Beziehungen zwischen faschistischem Regime und Ungaretti gibt Petrocchi auf S. 166 (Anm. 3) . [ 11 ] Maurizio Maggiani, Il coraggio del pettirosso. Milano 1997, S. 29 f. In der deutschen Übersetzung von Barbara Schaden (Der Mut des Rotkehlchens, Berlin 1998) heißt es: "Übrigens ist dieser Verräter, wie du ihn nennst, ein anständiger Kerl, und außerdem gefällt er mir. Sicher, er ist Faschist geworden - so, wie ich ihn kenne, ist er das vielleicht heute noch, oder er ist zum zweiten Mal abtrünnig geworden. Trotzdem ist er anständig, und er gefällt mir. Ich kann nichts dafür. Die Idee hat er aus Opportunismus verraten, oder weil er verrückt geworden ist oder aus einem noch widerwärtigeren Grund, aber was er aus seinem Leben gemacht hat, das waren keine faschistischen Schweinereien." [ 12 ] Neben Ingeborg Bachmann und Paul Celan sind an dieser Stelle Hilde Domin und Hans Magnus Enzensberger zu nennen. [ 13 ] Ungaretti-Übersetzungen verschiedener Autoren:
[ 15 ] Manfred Hardt, Geschichte der italienischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Düsseldorf, Zürich 1996; Volker Kapp (Hg.), Italienische Literaturgeschichte. Unter Mitarbeit von Hans Felten [u.a.]. Stuttgart, Weimar 1992; Giuseppe Petronio, Geschichte der italienischen Literatur. (3 Bände). Band 3: Vom Verismus bis zur Gegenwart. Vom Autor für die dt. Ausg. gestraffter und aktualisierter Text. Übersetzung durch Ursula Wagner-Kuon und Sabine Kürner. Tübingen, Basel 1993. |
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Das war: G. Ungaretti und der Faschismus - Einleitung |
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