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Christian 'Hippie' Kracht

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Referat
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(Team faserland.de)

  Christian Krachts FASERLAND. Eine Analyse

Referat

(Eine aktuellere und ausführlichere Analyse des Romans und seiner Kritiker
(s. Inhaltsverzeichnis) ist auf der Download-Seite erhältlich.)

Genau, das sind Klischees, das ist die Oberfläche.
Und die auszuloten, darum geht es
.

(Kracht, Die Zeit Leben, 09/09/99)


Ich habe am 14. Dezember 2000 im Rahmen des Seminars 'Rave- und Partykultur in der neuen deutschen Literatur' über Christian Kracht, einen der sogenannten Popliteraten gesprochen. Unser vollständiges Referat war in drei Teile gegliedert:

1   Der Roman Faserland

2   Der Autor Christian Kracht

3   Die Reisereportagen Der gelbe Bleistift

(Teil 3 ist hier nicht vertreten, da nicht von mir erarbeitet.)

0. Einleitende Worte

FASERLAND war Krachts erster Roman, er erschien 1995. DER GELBE BLEISTIFT erschien erst im letzten Jahr (2000). Neben den beiden Zeitpolen 95 und 00 haben wir mit den beiden Werken auch die räumliche Dimension von Christian Kracht bzw. die seiner Veröffentlichungen im Blick: Deutschland und die Schweiz (Faserland) sowie Asien (Der gelbe Bleistift).
 
  Das Seminarthema an der Uni Hamburg war die Rave- und Partykultur in der neuen deutschen Literatur, oder es waren - laut Beschriftung des Kopienordners - die Popliteraten. Bei den eben genannten Phänomenen stellt sich zunächst die Frage danach, wie eine wissenschaftliche Betrachtungsweise eigentlich aussehen kann.

Die eine Möglichkeit ist, Zusammenhänge der Literatur mit relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen zu untersuchen. Dies geschah im Seminar teilweise mit dem Dandy-Begriff oder auch mit Bezügen zur Generationen-Debatte (X, Golf, ...).

Ein anderer Bezug wäre der zu den sogenannten Neuen Medien - oder besser die Frage, ob die Neuen Medien eigentlich auch eine neue Art zu schreiben und einen neuen Typus von Autor mit sich bringen. Der letzteren Frage werde ich weiter unten in Ansätzen nachgehen.

Dass sich in den letzten 5 Jahren, also seit FASERLAND, einiges getan haben muss, wird deutlich, wenn wir uns die damalige Situation junger deutschsprachiger Autoren und Autorinnen ansehen:
In der 1996 von Martin Hielscher bei Kiepenheuer & Witsch herausgegebenen Anthologie WENN DER KATER KOMMT, in der neben Christian Kracht übrigens auch Eckhart Nickel (TRISTESSE ROYALE) eine Erzählung veröffentlicht hat, heißt es zum Stand der Dinge noch vorsichtig:

Wir scheinen nun in eine Phase gekommen zu sein, da die deutschsprachige Gegenwartsliteratur, was die jüngere Generation anbelangt, jenseits ihrer offiziellen Manifestationen wieder offener geworden ist und auch ein größeres Publikum zu interessieren vermag. Seit Peter Handke und Botho Strauß hatte es kaum mehr ein "jüngerer Autor" geschafft, den magischen Kreis des Clubs der Eingeweihten zu durchbrechen bzw. sich mit mehr als einem Buch dauerhaft als Autor zu etablieren. [...] Es scheint, als habe sich das Blatt wieder gewendet.

Mittlerweile dürfte klar sein, dass mit den sogenannten Popautoren das Wenden des Blattes tatsächlich stattgefunden hat. Kracht dürfte einer derjenigen sein, die sich als Autor etablieren konnten, und das, obwohl er nicht selten verrissen wurde. Das bringt mich zu den ersten zwei FASERLAND-Fragen: zur Frage der Rezeption und zur Frage der Kritik.

 
nach oben ( 0. Einleitung      2. Der Autor Christian Kracht )
 
1.   Der Roman FASERLAND

Wie nimmt das Publikum FASERLAND auf? Und wie nimmt die Kritik diesen Roman auf? Ein Konzept von Kritik, das publikumsorientierte, will dem gemeinen Leser Orientierungen auf dem Buchmarkt bieten. Obwohl Kracht, vor allem als Mitglied des popkulturellen Quintetts, enorm verrissen wird, wird er wohl gerne und von vielen gelesen.

Die Frage, die hier natürlich besonders interessiert, ist die Frage danach, wie Publikum und Kritik eigentlich Krachts Erstling gelesen haben und lesen. Beide haben ihre Lesart, und ich meine festgestellt zu haben, dass beide nur einen Teil von FASERLAND wahrgenommen haben.

Demgegenüber möchte ich die Teile, die für gewöhnlich übersehen werden, herausstellen, um vielleicht zu einer umfassenderen Analyse des Textes zu kommen.

Schauen wir also, was in dem Roman steckt, und lassen wir uns dabei von der Frage leiten, was das Neue, Außergewöhnliche, und was das Traditionelle, Gewöhnliche an FASERLAND ist. Weiterhin sollte eine Rolle spielen, ob sich im Roman eigentlich das Seminarthema - Rave- und Partykultur - wiederfindet. Dazu kommt die Frage danach, was eigentlich an der Popliteratur Pop ist.

Um am Ende zur Person Christian Krachts überzuleiten, werde ich untersuchen, ob der Roman ein bestimmtes moralisches Konzept hat.

Doch fangen wir mit der Oberfläche des Buches an. Auch die kann uns vielleicht schon einige Hinweise geben, zumal der Begriff der Oberfläche im Zusammenhang mit der Pop-Literatur häufiger auftaucht (siehe das obige Motto der Arbeit).

Ich habe hier die Taschenbuch-Ausgabe von Goldmann, Preis DM 9,90. Die ansprechende graphische Gestaltung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um billige Papierqualität handelt. Verlag, Preis und Papierqualität erinnern an Trivial-Literatur. Zufall oder nicht? Ich meine, nein.

Der popkulturelle Erzählband TRISTESSE ROYALE kam bei Ullstein raus, auch nicht gerade einer der angesehensten Verlage von Seiten der 'Hochkultur'. Und der angesehenere Verlag Kiepenheuer & Witsch, Hauptverleger der Popautoren, bringt deren Bücher schon in der Erstausgabe meist als Paperback heraus. Deutliche Hinweise darauf, dass hier eine Vermengung von sog. hoher mit sog. Massenkultur stattfindet. (FASERLAND kam allerdings ursprünglich als Hardcover heraus.)

Wenn wir von der Oberfläche zum Inneren des Romans gehen, treffen wir zuerst auf den Verlagstext, die Kurzbeschreibung vor Seite 1. Sehen wir nach, wie der Verlag den Inhalt des Romans zusammenfasst. Es geht um einen Helden, um Partys, beschrieben in einem bestimmten Erzählton. Ich zitiere in Auszügen:

Einmal durch die Republik, von Nord nach Süd: Christian Krachts jugendlicher Held geht auf eine Reise von Sylt bis zum Bodensee. Dabei erzählt er von Partys und Bars [...]. Alles ist ihm klar, und gleichzeitig entgleitet ihm alles. [...] In leichtem Erzählton, der in Wirklichkeit sehr kunstvoll gebaut ist [...], schreibt Christian Kracht den Roman einer Jugend, die sich ohne die klassischen Auswege der Rebellion und der Anpassung nicht arrangieren will.

Kracht selbst übrigens mag zum Inhalt seines Romans nicht viel sagen, aber da ich gerade bei kurzen Charakterisierungen bin, will ich seine Sichtweise erwähnen:

Tagesspiegel: Herr Kracht, bekannt wurden Sie 1995 durch Ihren Roman Faserland. Im Zentrum steht der junge Ich-Erzähler, der durch Deutschland stolpert, und die Welt nach ihrer Oberfläche beurteilt.

Kracht: Ich kann leider zu Faserland wenig sagen, da ich einmal Geschriebenes nie wieder ansehe oder lese. Aber Ihr Wort vom "Stolpern" finde ich gut. Das trifft es schon sehr genau.

(Der Tagesspiegel, 02.07.2000)

Weitere Kurzbeschreibungen, vielleicht für die unter euch, die den Roman noch nicht gelesen haben, stammen aus den berüchtigen amazon-Rezensionen:

Für mich ist dieses Buch eine Aneinanderreihung banalster Ereignisse. Der Erzählstil ist ernüchternd einfach und kann von jedem Schüler nachgeahmt werden.

Und noch eine: Also, der Roman geht so: die Romanfigur steht auf Sylt und trinkt eine Flasche Jever. Dann trifft er Karin, raucht eine Zigarette, trinkt Bier, erzählt etwas über Barbourjacken und fährt weiter nach Hamburg. Dort ertappt er Nigel beim Gruppensex, trinkt Bier, fährt geschockt nach Frankfurt. Da klaut er Alexanders Barbourjacke, trinkt Bier und fährt weiter nach Heidelberg. Dort folgert er, daß alle Deutschen im Alter nicht nur wie Nazis aussehen, sondern Taxifahrer sich der Haschischbrocken wegen verdingen. Trinkt Bier und landet in München. Weitergetrunken und weitergefahren nach Meersburg mit Rollo, dessen Porsche unser Held sich klaut, um in Zürich bei einer Schachtel Zigaretten über das böse Deutschland zu sinnieren. Und....? Jawohl, trinkt Bier !!!

All diese Zitate sagen uns noch nicht viel über den Roman. Wie erfahren wir also mehr? Eins der auffälligsten Kennzeichen des Romans ist sicherlich die häufige Verwendung von Markennamen. So dachte ich mir, ich schaue mir diese einmal genauer an, mit dem Hintergedanken, dass sich mit der Betrachtungsweise vielleicht eine tiefere Bedeutung des Romans erkennen lasse. Ich muss zugeben, dass dies nicht ganz der Fall gewesen ist, aber ein wichtiges Element sind die Markennamen dennoch. Da Kracht 1995 wohl noch nicht auf die Idee kam, einen Index ans Ende des Buches zu stellen, habe ich mir selbst die Mühe gemacht, die Markennamen herauszuschreiben. En bloc wirken sie nämlich recht eindrucksvoll:

Kapitel EINS: Jever, Barbour, S-Klasse-Mercedes, Triumph, Golf, Porsche, Ralph-Lauren-Hemden, Rolex, Alden-Slipper, Roederer, Toyota Land Cruiser, Testarossa, Cartier, Hermes-Halstuch
Kapitel ZWEI: Ilbesheimer Herrlich, Meggle-Butter, ICE, Kiton Jackett, Tempo, Wiener, DSG-Tütchen, Stern, Jil Sander, Doc Martens, Esso, Ariel Ultra, Milka, Fair-Isle-Pullover, Hanuta-T-Shirt, Mephisto, HSV, Prinz, Stüssy-Kappe
Kapitel DREI: Visa, Ballisto, Ehrmann, Süddeutsche, Eternity-Parfum, Cartier, Bunte, Lufthansa, Tiffany, Swatch
Kapitel VIER: Mannesmann, Brown-Boveri, Siemens, Hefte zur Kunst, Spex, Grünofant/Berry, Christinen Brunnen
Kapitel FÜNF: Spa, Ramlösa, Armani, Bravo, Ado-Gardinen, Brooks Brothers, Ralph Lauren, Welt am Sonntag
Kapitel SECHS: Porsche 912, Quick, Single Malt, Weingumme-Frösche
Kapitel SIEBEN: Fiat Uno, Jack Daniels, VW Käfer, Pernod, Pear's Seife, Brandy Alexander, Vespa, TUI, Lexotanil
Kapitel ACHT: Lindt


Ich habe die Markenbezeichnungen in Kapitel gegliedert, da ich sehen wollte, ob eine Struktur erkennbar wird. Das ist nur bedingt der Fall, wenn ich von der Häufung in den beiden ersten Kapiteln absehe.

Nicht absehen will ich aber von der einsamen Erwähnung der Marke Lindt im letzten Kapitel. Der Protagonist "ich" befindet sich dort nicht mehr in Deutschland, wie in allen vorigen Kapiteln, sondern in der Schweiz, womit sich einerseits Lindt erklärt, aber womit sich vor allem erklärt, dass eigentlich keine Marken vorkommen (eine ist keine): Die Schweiz ist im Roman nicht vorwiegend die Schweiz, sondern es ist ein Nicht-Deutschland.

Das letzte Kapitel ist die Schlüsselstelle für das Verständnis der Reise aus Sicht des Protagonisten, so als fasse er hier noch einmal zusammen, was von Deutschland erzählt werden müsste. Ich zitiere aus S. 148 f.:

Ich hätte immer Recht. Alles, was ich erzählen würde, wäre wahr. Dann hätte es auch einen Sinn gehabt, sich alles zu merken.

Ich würde ihnen von Deutschland erzählen, von dem großen Land im Norden, von der großen Maschine, die sich selbst baut, da unten im Flachland. Und von den Menschen würde ich erzählen, von den Auserwählten, die im Inneren der Maschine leben, die gute Autos fahren müssen und gute Drogen nehmen und guten Alkohol trinken und gute Musik hören müssen, während um sie herum alle dasselbe tun, nur eben ein ganz klein bißchen schlechter.


Deutschland, das sind im Rückblick auch die Deutschen, die Nationalsozialisten, die Geschäftsleute, die Gewerkschaftler und die Autonomen, die Kellner und die Studenten, die Taxifahrer und die Rentner, die Werber und die DJs. Und genau davon wurde ja die ganze Zeit erzählt.

Die Formulierung Ich würde ihnen von Deutschland erzählen, von dem großen Land im Norden, von der großen Maschine, die sich selbst baut, da unten im Flachland, diese Formulierung ist übrigens eine recht deutliche Bezugnahme auf Thomas Manns ZAUBERBERG. Denn auch Thomas Manns Hans Castorp und sein Vetter, die aus der Ebene, aus Hamburg in die Schweizer Bergwelt gekommen sind, sprechen immerzu von "denen da unten" und "wir hier oben".

Mit Hans Castorp haben wir überhaupt eine frühe literarische Figur, die mit dem "ich" aus FASERLAND einige Ähnlichkeiten hat: so wie "ich" ist Castorp ausgiebiger Biertrinker, und so wie "ich" hat er seine ästhetisch motivierten Eigenheiten, so z.B. wenn er Butter nicht in normaler Form zu sich nehmen will, sondern nur "in Form geriefelter Kügelchen" (Mann, Zauberberg. Ffm. 1991, S. 47). Und "seine Maxime war, dass man außer in Hamburg im ganzen Reiche nicht zu bügeln verstehe." (Ebd., S. 46)

Die FASERLAND-Bindung an Thomas Mann, der vom Protagonisten positiv erwähnt wird, wird jedoch, wie vieles im Roman, durch eine Sprache gebrochen, die vor allem Respektlosigkeit ausdrückt - womit wir wieder beim Mix zwischen sog. hohen und niedrigen Elementen bei Kracht wären. Zur Illustration eine Stelle zu Thomas Mann aus dem letzten Kapitel:

Irgendwo habe ich mal gelesen, daß das Grab von Thomas Mann in der Nähe von Zürich liegt, oben auf einem Hügel über dem See. Thomas Mann habe ich auch in der Schule lesen müssen, aber seine Bücher haben mir Spaß gemacht. Ich meine, sie waren richtig gut, obwohl ich nur zwei oder so gelesen habe. Diese Bücher waren nicht so dämlich wie die von Frisch, Hesse oder Dürrenmatt oder was sonst noch so auf dem Lehrplan stand. [...]

In dem Moment fällt mir ein, daß der Hund vielleicht auf Thomas Manns Grab gekackt haben könnte [...].
(152 f.)

Nun gut, zu Thomas Mann kam ich über die häufige Erwähnung von Marken im Roman. Neben den Markenbezeichnungen gibt es noch ein weiteres Element, welches mit den Marken verschmilzt, und welches den Blick auf die Frage nach dem Pop in der Popliteratur lenkt. Ich meine die vielen Popmusiker und Songs, die immer wieder auftauchen. Im engen Sinne wäre Faserland schon unter diesem Aspekt Popliteratur, doch m.E. greift ein solches Verständnis zu kurz.

Fehlen mal, wie in Stuckrad-Barres BLACKBOX, die vielen Popmusiker, wäre es schon keine Popliteratur mehr. Wenn sich Popliteratur also auf die Bücher (und nicht auf die Autoren selbst) bezieht, dann muss mehr her, als ein paar bekannte Musiker und Bands. Dann müssen Versatzstücke der sog. Populärkultur her, also Prominente, Fernsehen, Zeitungen, Kino usw. und eben auch Musik. Genau das finden wir in FASERLAND, wie an der folgenden Zusammenstellung gut zu sehen ist:

Gaultier, Lacroix, Maxim Biller, Hajo Friedrichs, Göring, Snap, Eagles, Car Wash, Lipps Inc., Chic, Terminator X, Gilles Deleuze, Pet Shop Boys, Jona Lewie, Twin Peaks, Der Exorzist, Isabella Rossellini, Ernst Jünger, Hermann Hesse, Triumph des Willens, Panzerkreuzer Potemkin, Himmel über Berlin, Wim Wenders, Diedrich Diederichsen, W. v.d. Vogelweide, B. Clairvaux, Der Name der Rose, Modern Talking, Fehlfarben, Public Enemy, Rod Stewart, Matthias Horx, Poltergeist 2, Starlight Express, Phantom der Oper, Teens, Smokie, Timm Thaler, Stalingrad, Wagner, Mozart, Beethoven, Stan Getz, Astrud Gilberto, Uwe Kopf, Moby, DJ Hell, Andreas Vollenweider, Koyaanisqatsi, Hieronymus Bosch, Kurt Cobain, Ken Follett, John Le Carré, Ton Steine Scherben, The Clash, Barclay James Harvest, Moody Blues, Cary Grant, Enigma, Freddy Mercury, Ink Spots, Phil Collins, Th. Mann, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt
(Popmusiker, Schriftsteller u.a. öffentl. Personen sowie Filme u. Musicals in FASERLAND)

Aber zurück zur Erzählung. Es geht im Roman also um ein "ich", dessen Namen wir nicht erfahren. Das sollte allerdings kein Grund sein, diesem "ich" den Namen Christian Kracht zu verpassen, wie es einige wenige Rezensenten bei amazon tun:

1) Auf der Suche nach Wärme, Zuneigung und Liebe ist die Hauptfigur (vielleicht Kracht selber ?!?) dieses Romanes. (...) Eine Freundin empfahl mir dieses Buch, um wie Sie meinte, ehemalige Internatsschueler besser verstehen zu koennen.

2) Der ich-Erzaehler (Man nehme an, es ist Kracht selbst) irrt durch Zeit und Raum, immer auf der Suche nach Geborgenheit und Waerme. Dass er dabei die Waerme schon in sich traegt, erkennt er nicht. Faserland ist sonderbarerweise als Monolog geschrieben, daher gibt es keine Moeglichkeit zu entrinnen.

Legitim ist m.E. jedoch die Frage nach einer Art Rückbindung von Protagonist an den Autor. So war "ich", ebenso wie Kracht, Zögling im Internat Salem, und es mag noch andere Parallelen geben. Da die Ich-Form für die Popliteratur fast ein Erkennungsmerkmal ist (welches natürlich auch bei anderen Autoren vorkommt), halte ich es für ein interessantes Phänomen, ohne daraus eine - wie es leider viel geschieht - negative Wertung abzuleiten. Man könnte übrigens im Gegenteil eine sehr positive Wertung daraus ableiten, wie es z.B. François Truffaut 1957 für den Film getan hat:

Der Film von morgen erscheint mir also noch persönlicher als ein Roman, individuell und autobiographisch wie eine Beichte oder wie ein geheimes Tagebuch. Die jungen Filmer werden sich in der 1. Person Singular ausdrücken und werden uns erzählen, was ihnen widerfahren ist: Das wird die Geschichte ihrer ersten Liebe oder der neuesten Verbindung sein können, ihre Bewusstwerdung gegenüber der Politik, ein Reisebericht, eine Krankheit, ihr Militärdienst, ihre Ehe, ihre letzten Ferien, und das wird zwangsläufig Gefallen finden, weil es wahr und neu sein wird. (...) Der Film von morgen wird dem gleichen, der ihn gedreht hat.
(zitiert nach u. übersetzt aus: Truffaut, Le plaisir des yeux. Paris 1987, S. 223 f.)

Nochmal zurück jetzt zum Roman: was erlebt der Protagonist in Deutschland? Es lässt sich zunächst tatsächlich kurz zusammenfassen: er reist von Sylt an den Bodensee, neben Drogen (übrigens vorwiegend Alkoholika) spielen Kleidungsstücke wie die berühmte Barbourjacke eine Rolle, und außerdem gibt es viele Parties.

Die Form des scheinbar ziellosen Umherreisens erinnert an einen Typus, den wir im Seminar schon thematisierten: an den Flaneur. Das flaneurhafte findet seine Entsprechung in einer gewollt unpräzisen Sprache, die an mündliche Rede erinnert, wie wenn einer eine Begebenheit erzählt, die ihm gerade eben zugestoßen ist:

Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. [...]

Also, ich stehe da bei Gosch und trinke ein Jever. [...]

Eben, als wir über Barbourjacken sprachen, hat sie gesagt, sie wolle sich keine grüne kaufen [...]. Das erkläre ich später, was ich damit meine.
(S. 9 f.)

Es ist ein Sprechen, wie es in der Realität nur als Monolog vorstellbar ist, und trotzdem wirkt es sehr kommunikativ und natürlich, eben so, als wäre die ganze Zeit jemand dabei, der zuhört. Aber es müsste schon ein immer aktiver voice- und Gedankenrekorder sein, der da zuhört. So ein Recorder könnte sich auch, wie es der Protagonist von sich selbst sagt, alles merken (S. 35). Die Nichtpräzision trägt, wie oben gesehen, zur (scheinbaren) Natürlichkeit des Diskurses bei, und sie vermittelt darüberhinaus eine gewisse Orientierunslosigkeit:

[...] ich weiß jetzt nicht, ob ich mich da richtig ausgedrückt habe. Ich kann mich auch täuschen. (S. 11)

Nigel hat in Pöseldorf eine sehr schöne Wohnung, direkt neben Jil Sander oder so. Ich kenne Nigel schon ziemlich lange, weiß aber immer noch nicht, was er genau macht. Er telefoniert viel mit Anlageberatern [...], die er dann immer anschreit, ob sie wahnsinnig wären oder so ähnlich. Es interessiert mich eigentlich auch nicht, aber eigentlich interessiert es mich doch. (S. 25)

Damit hätten wir das Bild eines Protagonisten, der sich treiben lässt, eigentlich kaum aktiv ist, der aber - dazu später mehr - im Unterschied zu einem bloßen Recorder viele Gefühle äußert und trotz Orientierunslosigkeit viele Werturteile abgibt.

Die Schauplätze sind Sylt, Hamburg, Frankfurt am Main, Heidelberg, München, Meersburg am Bodensee und schließlich Zürich. Oder anders gesehen, sind es einerseits Parties, Bars und ein Rave, sowie andererseits Flughäfen und Bahnhöfe, das Flugzeug, der Zug, das Autos und jede Menge Taxis, und zuguterletzt noch einige Wohnungen und ein Hotel.

Die Partykultur wird hier nicht gefeiert, vielmehr bleibt der Held den Ereignissen, auch wenn er für einen äußeren Beobachter dazuzugehören scheint, immer fremd. Ausgelassenheit und körperliche, womöglich gleichgeschlechtliche Nähe ekeln ihn an. Einen frühen Höhepunkt findet die Geschichte diesbezüglich in Kapitel DREI, als der Protagonist seinen Freund Nigel in dessen Wohnung bei einer kleinen Orgie überrascht ( S. 46 f.).

Dieses Erlebnis wird er über die ganze Geschichte hinweg nicht vergessen. Von dem unmittelbaren Schock erholt er sich allerdings schnell, und zwar in einer der witzigen Stellen des Romans (Kracht ist ja oft Humorlosigkeit vorgeworfen worden):

Jedenfalls laufe ich zu dem Rondell, diesem großen Korb mit den Ballistos und den Salamibrötchen, den die Lufthansa neben der Kaffeemaschine aufgestellt hat, weil die Stewardessen zu faul sind, während des Fluges irgendetwas autzutischen, und hole mir vier Salamibrötchen und sechs Ballistos und zwei Joghurts von Ehrmann und stopfe sie mir in die Taschen meiner Barbourjacke. Plötzlich geht es mir besser.

   Ein Betriebsratsvorsitzender, der sich gerade zaghaft ein Salamibrötchen besieht, guckt ganz kritisch, so mit zusammengezogenen Augenbrauen, als ob er das, was ich da mit der Lufthansa-Verpflegung tue, nicht gutheißen kann, und wenn ich ein Ausländer wäre und kein Jackett anhätte, wofür er einen halben Monatslohn hergeben müßte, dann hätte er auch bestimmt etwas gesagt. Und weil er so frech guckt und gar nicht aufhört damit, stopfe ich mir noch zwei Ballistos in die Tasche und noch zwei Joghurts und nehme mir auch noch acht weiße Plastiklöffel. Dann esse ich ganz schnell hintereinander zwei Joghurts auf. Während ich das tue, starre ich dem Mann ins Gesicht, bis er wegguckt, denn konfrontiert werden mag er ja auch nicht, dieses SPD-Schwein. Dann merke ich, daß ich ganz furchtbar niesen muß, und da kommt es auch schon, und ich niese wie ein Wahnsinniger auf das ganze blöde Sortiment der Lufthansa.

     Der Mann ist jetzt richtig erbost und murmelt: So eine Frechheit oder irgend etwas ähnlich Belangloses, und ich starre ihn an und sage ganz leise, aber so, daß er es hört:
Halt's Maul, du SPD-Nazi.
   Der Mann verschwindet ganz schnell zur Kaffeemaschine, und ich merke, daß es mir viel besser geht. Wirklich bedeutend besser.
(S. 48 f.)

Das Schimpfen auf andere, wie es hier zu sehen war, durchzieht das ganze Buch. Was der Protagonist wohl am meisten hasst, das sind - außer SPD-lern und Nazis - vor allem Rentner und Taxifahrer, oder eben Kombinationen aus diesen Unwesen. Weiterhin ist vieles blöd: der blöde Zug, die blöde bunte Speisekarte, der blöde Führer, blöde Kinder usw.

Wenn Renter nicht blöde oder Nazis sind, dann sind es einfach alte Menschen, wie z.B. im Schlusskapitel in der Schweiz, oder wie die alte Frau im Flug von HH nach Frankfurt.

Auf jeden Fall gibt es für den Protagonisten durchaus nicht nur beschimpfenswerte, sondern auch gute und schöne Menschen. Dies wird in der Rezeption kaum wahrgenommen. Ein Element, das in der Rezeption völlig fehlt, sind die vielen Erinnerungssequenzen. Diese Rückblenden, etwa Gedanken an die Kindheit auf Sylt, sind z.T. negativ, z.T. aber sehr positiv behaftet:

Ab da höre ich nicht mehr zu, weil mir plötzlich dieser Geruch der Holzbohlen und des Meeres in die Nase steigt, und ich denke daran, wie ich als kleines Kind immer hierher gekommen bin, und beim ersten Tag auf Sylt war das immer der schönste Geruch: wenn man das Meer lange nicht gesehen hatte und sich riesig darauf freute und die Holzbohlen durch die Sonnenstrahlen so einen warmen Duft ausgeströmt haben. Das war ein freundlicher Geruch, irgendwie verheißungsvoll und, na ja, warm. (S. 12)

Si, Si, haben sie gesagt, du machst das wie ein großer, wie ein richtiger Pilot. Come un vero Pilota. Sie hatten weiße Zähne und weiße Mützen, auf denen vorne Alitalia auf einer silbernen Brosche draufstand, und sie hatten sehr stark behaarte, braune Arme, und durch diese schwarzen Armhaare konnte ich immer ihre goldenen Armbanduhren sehen. Richtige Pilotenuhren waren das, und die habe ich immer angestarrt, während ich mit dem Steuerknüppel hantiert habe.

Ich habe es mir vor den Piloten nie anmerken lassen, daß ich die Wahrheit wußte: Es ist nur der Autopilot. Schließlich waren sie alle sehr nett zu mir.
(47 f.)

Ähnliche Rückblicke in einem sehr ähnlichen Roman gibt es ja übrigens auch in Bret Easton Ellis' Roman UNTER NULL. Hier bei Kracht verändern sie die Atmosphäre phasenweise enorm, und es kann nur verwundern, dass dieser Aspekt in der Rezeption wirklich keine Rolle spielt. Vielleicht liegt es daran, dass die anderen Elemente des Romans (die Markenbezeichnungen, das Beschimpfen, das Vulgäre) zu unerhört sind, um die sogenannten Zwischentöne noch wahrzunehmen?

Auf eine Art unterstreichen die positiven Rückblenden das recht einfache moralische Konzept des Romans. Es besteht meiner Meinung nach aus 3 Teilen:

1. der Wert Freundschaft, die aber (s. Nigel, Alexander, Rollo - alles Freundschaften, die scheitern) leider nicht möglich ist;

2. die Werte Schönheit und Höflichkeit, Dinge die eher an der Oberfläche liegen, die aber trotzdem wichtig sind, wobei sie sich letztlich dann wieder entweder als falsch herausstellen oder sogar ein Alptraum werden. Ein Beispiel für letzteres ist die Episode in Kapitel FÜNF, im Haus von Heidelberger Burschenschaftlern, deren Chef erst sehr freundlich zum Protagonisten ist (ungewöhnlich für einen Studenten), er hat sogar weiße Zähne (Leitmotiv), doch am Ende stellt er sich als brutales Schwein heraus, das dem Helden an die Wäsche will (eins der vielen Homophobie-Motive im Roman).

3. Aus dem Scheitern der beiden genannten Konzepte folgt eine Art Reduzierung der Ansprüche: es folgt daraus, dass die einzig gültige und einzig noch mögliche moralische Kategorie diejenige ist, kein Arschloch zu sein. Auch hier finden wir übrigens wieder eine Parallele zu UNTER NULL von B. E. Ellis.

In Ellis' letzten beiden Kapiteln ändert sich das belanglose Leben der Figuren in der Weise, als sie immer mehr und härtere Drogen nehmen, sich teilweise dafür prostituieren und schließlich aus Langeweile zu Hause ein zwölfjähriges Mädchen quälen und vergewaltigen. Clay, der Held von Ellis, unternimmt nichts gegen diese Dinge, obwohl er sie irgendwie nicht richtig findet. Das einzige, was er tut: er beteiligt sich nicht aktiv an den richtig arschlochmäßigen Aktionen und verlässt im Falle der Vergewaltigung den Schauplatz.

Ähnlich der Held in Faserland, als ihm klar wird, dass der reiche Rollo auf der Party am Bodensee immer mehr Alk und Tabletten konsumiert und dass auf dieser Party kein einziger richtiger Freund ist, der Rollo von diesem Verhalten abhält oder sich um ihn kümmert. Auch "ich" hilft nicht, aber als er die Lage erkennt, ist für ihn klar, dass er an der Party nicht weiter teilnehmen wird: wenigstens nicht ganz so armselig werden, wie die anderen Partygäste!

Die Kategorie 'Arschloch' findet sich an einigen Stellen im Roman, und sie findet sich auch in den amazon-Rezensionen zu Krachts Roman, in Äußerungen Krachts sowie anderer der sog. Popliteraten:

[...] und dann wird sie aufstehen, um mir Platz zu machen und den ganzen Schweinkram sehen und denken, ich sei ein völliges Ferkel und ein Arschloch. (S. 55)

[...] und er hat nur geglotzt aus seiner blöden roten Werber-Brille und nichts mehr gesagt und sicher gedacht, ich wäre ein kleines Arschloch, das sich wichtig machen will mit Kulturfragen an ihn. Dabei hat mich das wirklich interessiert [...] (S. 57)

[...] wie sie jeden anlächelt, auch die Blöden und die Arschlöcher und die Aufdringlichen. Besonders die. Hannah ist so gut zu denen, daß es mir fast weh tut. (S. 111)

[...] und ich sehe, daß er nicht wirklich das Arschloch ist, für den ich ihn auf Sylt gehalten habe. Sein Lächeln, soviel ist sicher, ist wirklich äußerst charmant. (S. 136 f.)

Kracht ist ein Arschloch, aber eines der Besten. Selten habe ich die Hauptfigur in einem Roman mehr gehasst und bewundert zur gleichen Zeit, als bei Krachts Faserland. Liebt ihn, hasst ihn oder liebt es ihn zu hassen. Deutschland braucht sowas. cheers. Auf ein geniales Arschloch. (amazon-Rezension)

Heutzutage ein Arschloch zu sein, reicht eben nicht. (eine weitere amazon-Rezension)


Jungle World: Ja. Der Lektor, der Euch bei Eurer Lesung in Berlin vorgestellt hat, bezeichnete den Stil des Buches als dekadent, arrogant und zynisch.
Nickel: Ich glaube, er hat gesagt: Dekadent, oberflächlich und - selbstreferentiell?
Kracht: Egozentrisch.
Nickel: Aber das ist nicht das, was wir denken.
Kracht: Wir sollten uns das Interview unbedingt vorlegen lassen.
Nickel: Ja, das glaube ich auch.
Kracht: Wir kommen da als ganz, ganz große Arschlöcher weg.

(Jungle World 23, 03.06.98 Interview mit Kracht und Nickel)

profil: Im Moment gelten Sie als fünf Arschlöcher, die seichte Texte schreiben und dazu posieren. Das wollten Sie im Ernst erreichen?
Bessing: Gut, das mit den Arschlöchern vielleicht nicht. Aber sonst? Ja.

(profil, 13.12.99, Interview zu TRISTESSE ROYALE)

Arschloch.de (Abschnittüberschrift im Kapitel 'Soundfiles' in Stuckrad-Barres BLACKBOX, S.191)

Da die Kategorie 'Arschloch' sowohl in Krachts Werk vorkommt, als auch - nach Meinung anderer - in Bezug auf seine Person eine Rolle spielt, will ich den Punkt nutzen, um vom Werk zum Autor zu kommen: wer ist Christian Kracht?

 
 nach oben ( 0. Einleitung      1. Der Roman FASERLAND )  
 
2.   Der Autor Christian Kracht

Kracht ist 1966 in der Schweiz geboren, arbeitete u.a. für 'Tempo', 'Spiegel' und 'Welt am Sonntag'. Daneben schrieb er:

1995 FASERLAND
1996 DER DOKTOR, DAS GIFT UND HECTOR BARANTES, in der Anthologie WENN DER KATER KOMMT (Hg. Martin Hielscher)
1998 FERIEN FÜR IMMER, mit Eckhart Nickel
1999 MESOPOTAMIA (Anthologie), Herausgabe und Beteiligung
1999 TRISTESSE ROYALE (Gesprächsband), Beteiligung (Hg. Joachim Bessing)
2000 DER GELBE BLEISTIFT

Kracht schreibt also journalistisch, und er schreibt Fiktion. In Kritiken, vorwiegend zu TRISTESSE ROYALE, wird er vorwiegend als Romancier bewertet, als einer der beiden, wenn auch angeblich nicht besonders guten Literaten im popkulturellen Quintett.

Ein Aspekt, der - außer in Interviews - kaum erwähnt oder gedeutet wird, ist der interessante Autortypus, den Kracht m.E. repräsentiert. Dieser Typus ließe sich thesenhaft durch drei Elemente charakterisieren:

1. die Kombination von sog. hoher und sog. niedriger Kultur, wie es hoffentlich an einigen Stellen des Referats schon deutlich wurde;
2. die Kombination von Journalismus und Fiktion (facts - fiction)
3. die Nicht-Trennung von Autor und Werk

Diese drei Merkmale, die jedes für sich noch relativ gewöhnlich sind, ergeben, wie ich denke, eine Art neuen Autortypus, oder auch ein neues Verständnis von dem, was ein Autor ist, was er schreibt und wie er sich verhält.

Es ist ein Verständnis, das einige der traditionellen Grenzen in der deutschsprachigen Literatur nicht mehr respektiert. Es ist auch, trotz angekündigten Endes der Ironie (auf dem Backcover von MESOPOTAMIA), ein nicht Ernst nehmen des Literaturbetriebs. Und diese Respektlosigkeit, bei gleichzeitigem Selbstbewusstsein, beunruhigt offensichtlich einen großen Teil des Feuilletons und der bisherigen Kultureliten.

Ein Anlass für die Beunruhigung ist neben dem Ästhetizismus die Selbstvermarktung, die Kracht und Stuckrad-Barre betreiben. Diese scheint ein gefundenes Fressen für die Kritiker zu sein. Dies jedoch nicht vorwiegend, weil jetzt Leute Werbung machen, die es normalerweise nicht tun. Es ist vielmehr so beunruhigend, weil diese Leute außerdem zur nachrückenden (oder schon nachgerückten) Generation im eigenen Betrieb gehören - und dabei sehr erfolgreich sind.

Es ist die Rede von Hype, also von einem gepushten und eigentlich nicht berechtigtem Erfolg, und in der Panik scheint die Kritik nahezu jede Analyse- und Kritikfähigkeit verloren zu haben. Ein Phänomen übrigens, welches wir, auch in Bezug auf Selbstvermarktung und Kommerzvorwurf, zuletzt bei der Ravekultur erleben durften. Auch wenn es platt klingt, so ist die Essenz vieler Kritiken letztendlich, dass es sich bei der Popliteratur nicht um eigentliche Literatur handeln würde.

Unter den 140 negativen Rezensionen nach TRISTESSE ROYALE, von denen Kracht spricht, gibt es zwar auch einige kluge Gedankengänge, aber diese sind sehr vereinzelt. Zwei Beispiele:

Gustav Seibt analysiert in der ZEIT vom 02/03/00 den 'Jugendstil des Jahres 2000' in Teilen nicht ganz falsch als ganz logische Antwort auf die durch Medien, Konsum und Musik vollkommen künstlich gewordene Seite der Wohlstandsgesellschaft, deren Dinge und Produkte zu immer feiner justierten sozialen Signalen wurden.

Und weiter: Der Ästhetizismus der Popliteraten [...] ist das Produkt eines Bildungsromans, den sie als Verfeinerungsprozess schildern, als Kampf um den definitiven Stil im Chaos der Moden und Produkte, einen Stil, der sich freilich immer nur momentweise fixieren lässt, weil er sich vom Massengeschmack abheben muss. [...]

Doch dann kommt die Keule: All das weist auf Mittelstand, und zwar auf einen typisch deutschen Mittelstand. [...] All das ist zutiefst kleinbürgerlich.

Zutiefst kleinbürgerlich - wie ekelhaft, und waren nicht die Kleinbürger auch schuld am Nationalsozialismus? Somit sind die Popliteraten in die Ecke gestellt. (Mit der Einschränkung allerdings, dass manche von ihnen womöglich auf der Walldorfschule waren, und Walldorfschulen sind ja bekanntlich ohne Ecken gebaut.)

Unter Bezugnahme auf Seibt vertritt Mark Terkessides in einem Artikel aus dem FREITAG (28/04/00) die Hype-Hypothese:

Das Wissen über die angebliche Generation jedoch stammt, wie er [Seibt] selbst feststellt, letztlich von Zuträgern aus den eigenen Kreisen, nämlich "Angestellten der Medienbranche". Die Essays, Romane und "popkulturellen Quintette" der "Popliteratur" werden von FAZ-Redakteuren, Ex-Tempo-Schreibern, Mitarbeitern in Medienagenturen oder TV-Drehbuchschreiberinnen geliefert. Dabei sorgen allein die Kontakte in den Medien für die nötige öffentliche Aufmerksamkeit. Auf fast jedem Buchdeckel der Werke von "Popliteraten" findet sich ein Grußwort des ehemaligen Kabarettisten Harald Schmidt.

Es stimmt zwar, dass Popautoren und Wesensverwandte sich selbst und gegenseitig offensiv promoten. Terkessides vergisst jedoch in dem Zusammenhang, dass die Beschuldigten über solche eine Phase eigentlich längst hinaus sind und eine Werbung im ernsthaften Sinne kaum noch nötig haben. Vielmehr sind sie dazu übergegangen, die Negativ-Werbung des Feuilletons gezielt zu nutzen. (Beispiele dazu finden sich auf dem Rückdeckel von DER GELBE BLEISTIFT.)

Überhaupt ist die Buchdeckelwerbung seit den Popautoren so etwas wie eine Spielwiese geworden. Hierzu ein schönes Beispiel von Kracht: in einer amazon-Rezension zu TRISTESSE ROYALE schrieb ein Leser oder eine Leserin aus England:

Ich mochte es nicht wieder weg legen, und nun liegt das besagte Vorabexemplar auf der Ablage meines Chevrolet Trailblazer, mit dem ich immer vor der Salumeria parke. Manchmal nehme ich das Buch auch mit herein und zeige es der Bedienung oder lege es auf die Theke, damit Kunden es in die Hand nehmen und drehen und wenden. Ich kann es wirklich jedem empfehlen, der sich ueber das Sein Gedanken gemacht hat, ja das kann ich.

Christian Kracht kreierte (wie ich zunächst annahm) aus diesen Zeilen für den Buchdeckel eines Romans von Sven Lager (Mitbetreiber von am pool) folgende Anekdote:

Ich kaufte Lagers PHOSPHOR und legte es auf die hintere Ablagefläche meines Chevrolet Trailblazers, mit dem ich immer sonntagmorgens vor der Salumeria in Berlin-Mitte parke. Seitdem sprechen mich täglich zehn Menschen darauf an. Ich sage jedem von ihnen: Lesen Sie bitte dieses Buch.

Eines Tages teilte Christian Kracht mir folgende Korrektur mit:

Das Zitat hinten auf Sven Lagers Buch "Phosphor" ist nicht von mir. Das hat Stuckrad-Barre (der ja wirklich in Berlin-Mitte wohnt und einen Chevy Trailblazer besitzt) unter meinem Namen hinten draufgeschrieben.

Dieses Spielen bringt mich zu dem von mir postulierten mehr oder weniger neuem Autorenverständnis zurück. Es ist laut Kracht u.a. ein Verständnis, nach dem ein Sprechen über Inhalte nicht mehr möglich sei. Wenn diese These stimmt, dann gelten, zumindest für Kracht, auch die Regeln für ein Schreiben über Inhalte nicht mehr. Wenn nichts mehr möglich ist, dann ist auf einmal alles möglich. An die Stelle von Inhalt tritt, wenn es nicht Schweigen ist, die Oberfläche (Ästhetizismus), oder - für die hohe Literatur noch schlimmer - die Verweigerung von produktiv verstandenem Sinn.

Kracht sagt dazu in einem übrigens sehr nachdenklichen Interview für den TAGESSPIEGEL vom 02/07/00, einem der besten Artikel zum Verständis der Thematik:

Vortäuschen, verstecken, Unsinn erzählen, das sind alles Mechanismen, die noch gut funktionieren.

Und Stuckrad-Barre in der ZEIT vom 09/09/99:

Das ist das Pop-Prinzip: vorgaukeln, behaupten, verfälschen, täuschen.

Wenn es den genannten Autoren gelingen sollte, dieses Prinzip weiterzuentwickeln, wird ihnen eine große Zukunft gewiss sein.

 
 nach oben Das war: Christian Krachts FASERLAND. Eine Analyse.

zur Downloadseite Eine aktuellere und genauere Analyse des Romans und seiner Kritiker (s. Inhaltsverzeichnis) ist auf der Download-Seite erhältlich.